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"Jazz Inbetween": Ein Gesamtkunstwerk von Könnern

Auf den Spuen von Frank Zappa: Bernard Struber und seine Z´Tett-Formation ließen sich von dem Altmeister inspirieren. [Foto: ECHO]
Der Veranstaltungsleiter im städtischen Marketing-Stab gilt als Verfechter des Ausgleichs. Moderat, partnerschaftlich, verständnisvoll. Jemand, der lieber vermittelt als polarisiert. In der Rolle des langjährigen Festivalmachers für Münsters Jazzfreunde kann es sich Fritz Schmücker jedoch erlauben, weniger diplomatische Rücksicht zu nehmen.
Und er tut’s, nennt Dinge beim Namen – wenngleich nett verklausuliert. Ohne die umstrittene Vokabel „Musikhalle“ auch nur einmal zu erwähnen, findet er am Sonntag im Theater zum Auftakt des „Inbetween“-Abends deutliche Worte. Bezeichnet die gegenwärtig am Ort schwelende Diskussion als „unsäglich“, warnt deshalb, am Ende der Auseinandersetzung die „Kultur als Verliererin“ da stehen zu lassen. Vielmehr gelte es „Leuchtturm-Projekte“ zu pflegen, die künftig ins Umland abstrahlen würden – eine Bemerkung, mit der er sich während der Umbaupause prompt Widerspruch einhandelt. „Was nützt der höchste Leuchtturm“, frotzelt Jens Imorde, Chef einer Projekt-Agentur, „wenn rundherum nur pure Wüste existiert?“ So wie die beiden, verstricken sich zahlreiche andere Gäste entlang der Wandelgänge in die leidige Problematik.
Kreativer Kopf
Egal. Ansonsten aber geben Künstler den Ton an. Allen gemeinsam ist, dass sie in jüngster Zeit dank grandioser Veröffentlichungen für internationale Aufmerksamkeit sorgten. Unter ihnen der Straßburger Bernard Struber, gelernter Kirchenorganist - inzwischen kreativer Kopf für „Z´tett“, seine Begleitcombo. Den Mannen hat es Frank Zappa, der bereits zu Lebzeiten legendäre Avantgardist, besonders angetan. Dessen Kompositionen tauchen im Repertoire der Elsässer nun als clever verwobene Melange aus Jazz- und Rock-Motiven wieder auf.
Fette Bläsersätze
So legen sie los, mit fetten Bläsersätzen, satten Basslinien, favorisieren genauso wie das Vorbild die unerwarteten Rhythmus-, Tempi-, Stilwechsel. Die eigenen Stücke sind ähnlich facettenreich gestaltet. Wurde eben noch explosiv gefetzt, halten plötzlich Saxofon und Piano, an anderer Stelle Geige und Schlagzeug zarte Zwiesprache, bis schließlich das gesamte Ensemble von Neuem abhebt. Struber, der Bandleader, stets vorneweg. Muss selbst irrsinnige Freude darüber empfinden, wie souverän die Formation auftrumpft, wie brillant ihr jeder Break, jede Zäsur gelingt. Bei solchen Passagen wird’s dann offenbar, warum er die Besten aus der französischen Szene neben sich weiß.
Spektakuläre Variationen
Superlative gebühren auch ihm, dem Italiener Luciano Biondini. Sitzt mutterseelenallein auf der riesigen Bühne, und hat trotzdem sofort die gesamte Besucherschar im Griff. Drei, vier Takte auf dem Akkordeon reichen, schon wird das Auditorium mucksmäuschenstill. Tief versunken ins eigene Spiel, liefert er immer rasantere, immer spektakulärere Variationen. Improvisiert derart behände, dass es eine wahre Wonne ist, ihm zuzuhören. Sein Ideenreichtum scheint unerschöpflich, quer durch sämtliche Genres. Traditionelles, Modernes, Mediterranes - mittendrin alte, folkloristisch geprägte Weisen aus der Heimat oder gar flotte, lateinamerikanische Tango-Klänge: Biondini inszeniert daraus das volltönende Gesamtkunstwerk. Von Herz zu Herz. Schier unglaublich, welche Klangfülle er aus dem Instrument herausholt.
Begnadeter Pianist
Dritter im Bunde: Jef Neve. Der junge Belgier ist in Trio-Stärke angereist. Jene Besetzung demnach, mit der er seit 2004 zum Geheim-Tipp avancierte. Auf einem dieser weltweit renommierten Festivals lernte ihn Schmücker kennen, ließ sich von der Virtuosität des Senkrechtstarters schnell begeistern. Der Hang zu schönen Melodien – das war’s letztlich, was dem die Einladung ins Westfalenland bescherte. Im Großen Haus entpuppt er sich als ein begnadeter Pianist, dessen kompositorische Einfälle die klassische Ausbildung verraten. Aber: die ganz und gar ungewöhnlichen Themen zählen ebenso zum Programm wie die sanften, die innigen Anleihen. Dynamisches hier, Sensibles dort, Überraschungen sowieso – ein ob der atmosphärischen Dichte am Ende faszinierender Auftritt.
Gegen Schluss klopfen ihm die Insider anerkennend auf die Schulter: Schmücker hat bei der dramaturgischen Zusammenstellung des Dreifach-Konzerts das gewohnt sichere Fingerspitzengefühl gezeigt.
Wolfgang Halberscheidt
[07.04.2010 | ECHO]
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