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Ein ganz und gar bizarrer Abend – GOP präsentiert neues, schräges Programm

Noch bis zum 27. April zu Gast in Münster: Das neun-köpfige Ensemble von "Made in Germany" [Fotos: GOP]
Ein aufgesetztes Lächeln - und dabei voll und ganz auf die perfekte Körperhaltung konzentriert. So kennt man Artisten. Nicht so am Donnerstagabend im GOP-Varieté. „Made in Germany“, das neue Programm, präsentiert nicht nur blutjunge Akteure mit Atem beraubenden Darbietungen an Trapez, Vertikaltuch oder chinesischem Mast.
Die Show, sie beschert den Besuchern vor allem echte Charaktere. Egal, ob bei der Jonglerie von Girma Thsehai oder dem Balance-Akt von Mareike Koch - der ganze Abend hat etwas angenehm Bizarres: Alle Akrobaten beherrschen nicht nur ihre Muskeln und ihr Koordinationsvermögen perfekt, sondern auch das Mienenspiel gelingt ihnen vortrefflich. Sie ziehen das Publikum mal mit völlig leerem, mal mit durchdringendem Blick in ihren Bann, erzeugen eine bitter-süße Grundstimmung voller Melancholie im gesamten Saal. Das Duo Kati und Philipp, welches mit ihren Hand-auf-Hand-Vorführungen gleichzeitig eine emotionale Liebesgeschichte erzählt, steht am Ende vollends zerzaust und ausdruckslos dem Zuschauerraum gegenüber.
Skurrile Requisiten
Unterstrichen wird das Geschehen teilweise noch von für das Genre doch recht skurrilen Requisiten und Kostümen. Florian Zumkehr zum Beispiel, er fasziniert bei seiner Equilibristik - der Kunst, bei der gelaufen wird ohne die Füße zu benutzen. Er tut's formvollendet, ist dabei auf blass geschminkt und zu Anfang fest in eine Zwangsjacke geschnürt. Dazu gibt's Verrenkungen, wie sie ansonsten wohl nur in der Notaufnahme zu sehen sind. Ein wirrer Blick, obendrein die aggressive, musikalische Untermalung durch „Inertia Creeps“ von „Massive Attack“.
Hieronymus
Am deutlichsten aber bringt der Magier Hieronymus groteske Momente auf die Bühne: Bei ihm mischen sich düsteres Auftreten, zarte Melancholie, ausgeprägter Humor und eine winzige Portion kindliche Naivität zu etwas, was schwer mit Worten zu fassen ist. Am ehesten erinnert der Mann vielleicht noch an die merkwürdigen Figuren, wie sie in Filmen von Kultregisseur Tim Burton auftauchen. Einerseits ganz in Schwarz, mit einem viel zu knappen Jackett, dick Kajal unter den Augen und einem Zylinder, der einst wohl eine Steppdecke gewesen sein dürfte. Andererseits mit Lack-Krokodilsleder-Mantel und Cowboyhut - im Hintergrund ertönt unterdes das Titelthema von „Spiel mir das Leid vom Tod.“
Nicht zu vergessen die stechenden Augen, eine schroffe, monotone Stimme und Kommentare, die zwischen Drohung und Hilflosigkeit liegen. Und obendrein Tony, die weiße Tigerente, Zauberassistentin und beste Freundin.
Wer den ungewöhnlichen Magier, bei dem man nicht weiß, ob man sich fürchten, lachen oder einfach nur staunen soll, mit den übrigen Protagonisten des Ensembles im Varieté-Club vereint sehen möchte, der sollte sich allerdings nicht mehr allzu viel Zeit lassen. Am 12. März wird er abgelöst von den Collin Brüdern.
Berliner Schnauze
Durch das Programm, das noch bis zum 27. April präsentiert wird, führt eine junge Dame namens Chantal. Mal lasziv, dann schrill, zeigt sie dem Publikum, wo’s lang geht. Zimperlich ist die freche Berlinerin weiß Gott nicht. Da werden schon mal wehrlose Zuschauer auf die Rampe gelockt, um bei nicht immer ganz ungefährlichen Tricks zu assistieren. Die Kostüme der Ansagerin geraten von Moderation zu Moderation kürzer oder kurioser. Ob im blauen Glitzer-Disco-Fummel mit passenden Plateau-Schuhen und Krönchen, in einer alten DDR-Schuluniform oder im fast vollständig durchsichtigen schwarzen Hauch von Abendkleid, eigentlich macht die Gute in allem eine wunderbare Figur...
Alles hausgemacht
Und warum heißt das Spektakel ausgerechnet „Made in Germany“? Vor allem, wenn doch auch Künstler aus der Schweiz oder Äthiopien mitwirken? Es ist ein Verweis auf den Ort, an dem sich das Ensemble gefunden hat: Die meisten von ihnen sind jüngste Absolventen der Berliner Artistenschule oder gerade dabei, dort ihren Abschluss zu machen. Und dass sie es als ein in Deutschland hausgemachtes Projekt auf die großen Bühnen schaffen und dort die Anerkennung der Varietéwelt genießen, war vor nicht allzu langer Zeit gar nicht selbstverständlich, erklärt Regisseur Markus Pabst beim Startschuss in die münstersche Spielzeit. O-Ton: „Als Zentren des Varietés galten lange Kiew oder bestimmte Städte in Kanada. Mit unserer Show fangen aber auch wir an uns einzumischen – mit Erfolg!“
Annika Hamachers
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