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[17.05.2010 | ECHO]

Aus sechs mach eins: echo-muenster bekommt ein neues Format. Wir verabschieden uns von den Ressorts Aktuelles, Wirtschaft, Kultur, Hochschulen und Kaleidoskop. Die Sportkollegen werden in gewohnter Qualität weiterhin tagesaktuell berichten - und dies noch ausführlicher tun. Thomas Austermann und Lutz Hackmann bleiben also im wahrsten Sinne des Wortes „am Ball“. 

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Was ist eigentlich schlimm an Achselhaaren?

Charlotte Roche

Im Rahmen der Reihe „Spiegel-Gespräch – live in der Uni“ traf die Redakteurin Claudia Voigt (r.) auf Charlotte Roche. [Foto: Austermann]

[22.05.2008 | Münster | ECHO]

"Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden." Kann man so einen seriösen Erfolgsroman beginnen? Wohl kaum. Charlotte Roche hat es dennoch getan, ganz bewusst sogar.

Weit über 500 000 Mal ist ihr im Februar erschienener Roman "Feuchtgebiete" inzwischen über die Ladentheke gewandert, entzweit dabei die Gemüter und entfachte einen unglaublichen Mediendiskurs. Seit Wochen arbeitet sich das Feuilleton daran ab, diskutiert kontrovers, ob mit Roches Werk ein Zeichen der Zeit gesetzt und ein neuer Feminismus auf den Weg gebracht wird, oder ob es sich einfach nur um den durchgeknallten Schocker und das Kalkül eines Medienprofis handelt, von dem man sich besser angeekelt abwendet.

Gespräch in der Uni

Grund genug für den Spiegel, die Autorin zum Gespräch zu bitten. Im Rahmen der Reihe "Spiegel-Gespräch - live in der Uni" trafen die Redakteure Moritz von Uslar und Claudia Voigt auf Charlotte Roche. Das Thema: "Abschied vom Hardbody? Die Lust am unperfekten Körper". Das dritte Mal war es, dass Redakteure des Spiegels an der Westfälischen Wilhelms-Universität auf Prominente trafen. Und so beschäftigte "Feuchtgebiete" die Gemüter im außerordentlich gut besuchten H1 des Hörsaalgebäudes am Hindenburgplatz, dem Ort, an dem sonst eher trockene Betriebs- und Volkswirtschaftslehrstunden abgehalten werden.

Schockvokabular

Kein Wunder, dass sich so viele von der kostenlosen Veranstaltung angesprochen fühlten, "Untenrum verkauft sich gut", könnte man in den Tenor der Kritiker einstimmen. Aber ist das wirklich alles? Sehe man vom Schockvokabular der "Feuchtgebiete" ab, habe dieser Roman erzählerisch und stilistisch nicht viel zu bieten, konfrontieren von Uslar und Voigt Charlotte Roche gleich zu Beginn mit dem harten Urteil eines Rezensenten des Deutschlandradios. "Wenn jemand mit mir streiten will, über Literatur geht das nicht", kontert Charlotte Roche. "Ich leg mich mit niemandem an, der sagt: das will ich nicht lesen, das ist nichts für mich."

Weiche Seite

Für eine große Literatin hält sie sich nicht. Viele der Leser bemerkten aber durchaus, dass das Buch nicht nur pornografisch sei, sondern es auch eine weiche, verletzbare Seite gibt: dass Helen als Kind den Suizidversuch der Mutter miterlebt, bei dem auch ihr Bruder mit in den Tod genommen werden sollte, dass dies fortan in der Familie totgeschwiegen wird. Dass Helen nichts mehr am Herzen liegt, als ihre Familie wieder zusammenzuführen. "Eine traurige Familiengeschichte versteckt hinter dem ganzen Saukram", sagt sie.

Unterhaltung

Trotzdem möchte sie nicht betteln müssen: "Bitte nimm' meine Geschichte wahr und nimm' sie ernst!". "Ich möchte viel mehr unterhalten als ernst genommen werden, bitte!" Mutig kam sie sich oft vor beim Schreiben des Buches, berichtet sie. Es habe aber auch viele Tiefs gegeben - angefangen von der Angst vor den Reaktionen der Familie über die beste Freundin, die als Erstleserin davon abriet, das Buch herauszubringen, bis hin zu den Reaktionen des Verlages Kiepenheuer &Witsch, in dessen Auftrag sie das Manuskript schrieb, das vom Verlag als Pornografie empfunden und aus diesem Grund abgelehnt wurde.

Grotesk

Roger Willemsen bestärkte Roche schließlich darin, weiterzuschreiben. Zunächst auch ohne Verlag. Funktioniert "Feuchtgebiete" nur auf der Ebene der Provokation? Natürlich sei die Geschichte rund um Helen, die Heldin des Romanes, ins Groteske überdreht. Helens Bakterienversuche seien eine überdrehte Veräppelung - "Das soll man nicht nachmachen, bitte nicht!". Verknappt wolle Sie aber eine wichtige Sache auf den Punkt bringen: "Ich hätte gerne, dass es noch ein anderes Bild gibt als das des perfekten Körpers, was man durch die Medien so kriegt. Das muss man mit der Realität zusammenbringen. Ich spüre den Druck viel mehr. Je älter ich werde, desto mehr Bilder habe ich im Kopf davon, wie eine Frau zu sein hat. Und ich muss immer mehr Kraft aufwenden, um mich davon freizumachen."

Diktatur des Klum-Körpers

Ihr Buch sei auch eine Art der Rebellion gegen die Diktatur des Klum-Körpers, das "Propagieren von Körpern, die nicht perfekt sind", versucht sie die Intention zu beschreiben. Sie selbst sei ein besessener Modezeitschriftengucker, "aber man will ja klar haben, dass das keine echten Menschen sind. Man kann nicht aussehen, wie ein retouchiertes Foto". Das Gegenbild eines nicht-perfekten Körpers könne durchaus tröstlich sein. Daher habe sie die Wahnsinnsidee gehabt, nicht irgendein Buch zu schreiben, sondern dahin zu gehen, wo es anderen wehtut - aus Spaß! "Ich schreibe wie ich spreche - ziemlich platt. Aber immer auf Gag", gibt sie unumwunden zu.

Verklemmt

"Mich befreit, Witze über so etwas zu machen. Leute würden denken, ich bin die offenste in der Runde, dabei bin ich die Verklemmteste." "Das sind meine Themen, meine Gedanken zum Körper. So sehe ich Körper - so geil teilweise, aber auch so ekelhaft", betont sie. Sie habe es in der Vergangenheit immer geschafft, Themen, die sie bewegten, in ihre Fernseharbeit einzubringen, ein Statement abzugeben: "Nicht mit mir!" Feuchtgebiete also letztlich Propaganda für den natürlichen Körper? "Ich bin für einmal am Tag duschen!" stellt Charlotte Roche klar. "Aber einmal reicht." Es werde uns ständig suggeriert, dass natürliche Gerüche des Körpers stinken, während alles was man kaufen kann gut riecht. Dabei sei es doch eigentlich eine romantische Idee des Körpers, dass man sich in Körpergeruch verliebt und den eben nicht kaufen kann.

Schlagfertig

Schlagfertig, authentisch und geistvoll präsentiert sich Charlotte Roche in Münster. Sie nehme "einen Feminismus auf, den die Welt vor 30 Jahren fallen gelassen hat", zitiert Redakteur von Uslar "Die Welt". Ein neuer Feminismus sei es vielleicht irgendwie schon, wenn Frauen ihrer Generation den Ansätzen ihrer durchaus feministischen Mütter neue Gedanken hinzufügten, glaubt Roche. "Mir wurde beigebracht, dass männliche Sexualität per se böse ist, denn die ist gegen die Frau. Müsste der Gedanke nicht sein: wenn meine Sexualiät ernst genommen werden soll, muss ich die meines Partners auch ernst nehmen? Masturbation war auch für meine feministische Mutter kein Thema, über das man redete."

Achselhaare?

Den Kritikern, die Charlotte Roche das platte Spiel mit den Medien unterstellen und ihr echauffiert jeden Hauch eines feministischen Ansatzes absprechen möchten, mag die eine oder andere nach dem Abend ungläubig entgegenrufen wollen: was kann weniger feministisch sein als Frauen, die sich nicht einmal trauen zu fragen: "Was ist eigentlich schlimm an Achselhaaren?" und was erfrischender, als die fröhliche Feststellung "Als alte Frau wieder pupsen zu dürfen, darauf freue ich mich schon!"

Eva Brüning

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