Bei Coca Cola in Münster brennt der Busch: "Wir werden systematisch ausgeblutet"

Dunkle Wolken über dem Himmel von Coca Cola: Mitarbeiter machten heute mit einer Demonstration ihrer Zukunftsangst Luft. [Fotos: Frobusch]
Bei Coca Cola am Kesslerweg brennt der Busch. Und das nicht erst seit gestern (Mittwoch), als das Management um 9 Uhr die Belegschaft in Münster davon in Kenntnis setzte, dass die Produktion mit 63 Arbeitsplätzen geschlossen wird, zum Ausgleich aber Arbeitsplätze in Herten und Dorsten angeboten werden. Für die meisten Betroffenen „ein Job in der Walachei“.
Pikanterweise wusste zu dem Zeitpunkt der Betriebsrat noch nichts von der Entscheidung. Der befand sich in Berlin beim Gesamtbetriebsrat und wurde erst am Mittag vom Vorstand vor vollendete Tatsachen gestellt. Entsprechend aufgeladen ist die Stimmung.
Ab dem zweiten Quartal steht für den Produktionsstandort Münster eine Null im Plan der CCE AG. Was die Mitarbeiter von dieser "Nullnummer" halten, zeigten sie deutlich mit ihren Plakaten.
Harsche Worte bei Betriebsversammlung
Heute (Donnerstag) dann bei der außerordentlichen Betriebsversammlung der Belegschaft von Produktion und Vertrieb entlud sich die Zukunftsangst in harschen Worten, in einer Demonstration mit Plakaten, Sprechchören und Trillerpfeifen. „Vorstand raus“, forderte die aufgebrachten Mitarbeiter und skandierte. „Gammell heißen, uns bescheißen“ (Damian Gammell ist der Vorstandvorsitzende), „Das soll uns der Vorstand selber sagen“, „Ich habe Kinder, die eine bessere Zukunft brauchen.“ Und die bange Frage „Was kommt danach noch auf uns zu?“. Erst die Produktion, dann der Vertrieb?
"Vorstand in Deckung"
Der Berliner Vorstand der Coca-Cola Erfrischungsgetränke (CCE) AG ließ sich in Münster nicht sehen. Er schickte heute den Geschäftsleiter Ruhrgebiet/Westfalen Arne Lauerwald, den Personalleiter Wolfgang Baer und Produktionsdirektor Region West, Wilfried Wentzel, an die Versammlungsfront. Die aber, so die Kollegen erbost, „blieben in Deckung und hatten keine Antwort auf unsere Fragen. Und die in Berlin stecken den Kopf in den Sand, damit sie das Elend nicht sehen. “
"Wir lassen uns nicht niederwalzen"
Die Coca-Cola-Mannschaft ist bereit, zu kämpfen, will „sich nicht niederwalzen lassen.“ Eine Forderung: „Die Fortführung des Beschäftigungssicherungsvertrages “, so Mohamed Boudih, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, Münsterland. Der Vertrag, der Ende des Jahres ausläuft, schließt unter anderem betriebsbedingte Kündigungen aus. Das Vertrauen allerdings zum Arbeitgeber ist dahin. Auch, weil sich dieser in der Information und Zusammenarbeit „nicht an die Vorgaben des Vertrages gehalten hat.“
Aus für die Leergutsortierung?
„Ein unfähiger Vorstand macht ein gesundes Unternehmen kaputt“, kreiden die Coca-Cola-Angestellten an. Die Betriebsräte Claudia Antons-Wendland (Vertrieb, Foto) und Helmut Finkenbrink (Produktion) sagen warum. Zum Beispiel Leergutsortierung mit 28 Arbeitsplätzen. Die findet am Kesslerweg zurzeit auf einem gemieteten Gelände (ehemals Oevermann) statt. Der Vertrag läuft am 31. Juli aus und soll dem Vernehmen nach nicht verlängert werden. Für die Betriebsräte ein untrügliches Zeichen, das auch dort bald die Lichter ausgehen.
"Mit Schecks gewedelt"
Dabei habe man in Aussicht gestellt, dass Mitarbeiter, die in keinem Fall einen bis zu 100 Kilometer entfernten Arbeitsplatz annehmen können, dort unterkommen könnten. „Wie passt das zusammen?“, fragen sich alle. „Teilweise wird schon mit Schecks gewedelt, dass die Leute gehen“, sagten Insider heute bei der Demo.
Wenn Finkenbrink (Foto) auf Einhaltung des Tarifvertrages pocht, dann meint er auch die darin festgeschriebene Zusage, dass die Arbeit auf alle Standorte verteilt wird. Will sagen: Überproduktionen werden auf weniger ausgelastete Standorte weitergegeben. Für Finkenbrink aber sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache. So seien in Münster laut Liefermatrix zwischen 2002 und 2007 bis zu 6 Mio. Kisten jährlich abgefüllt und umgesetzt worden. Diese Zuteilung aber sei in 2008 auf gut 3,6 Millionen zurückgefahren und damit eine Schicht abgebaut worden. Bei gleichzeitiger Überbelastung anderer Standorte.
Das Argument, durch die Produktionsverlagerung Logistikosten sparen zu wollen, könne nicht ziehen, weil Leergut kreuz und quer durch die Republik kutschiert und zum Teil in Münster zwischengelagert werde. Von einem angeheuerten Fuhrunternehmen, nicht mit der eigenen roten Flotte. „Und unsere Leute bangen um den Arbeitsplatz.“
Getränke-Großhandel im Nacken
Ungemach droht auch vom Getränke-Großhandel, der schon heute „Kunden von uns übernimmt. Wir werden systematisch ausgeblutet und vor die Wand gefahren. Der Vorstand taktiert eindeutig gegen uns“, spricht Finkenbrink aus, was die meisten im Betrieb denken. Ein Betrieb, der seit 1950 in Münster ansässig ist. Die Reaktion des Gesamtbetriebsrates Coca Cola: Keine Überstunden, keine Samstagsarbeit mehr.
Bruni Frobusch
Zum Thema siehe auch:
Coca Cola schließt Produktion in Münster - Betriebsrat: "Ein abgekartetes Spiel"
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