"Wörter kennen keine Mauern": Münsters Häftlinge lernen lesen und schreiben

Bücher lesen? Briefe schreiben? Undenkbar für Analphabeten, auch im Gefängnis. [Foto: Pixelio/Rainbow]
Über 12.000 Erwachsene in Münster können nicht richtig lesen und schreiben. Auch im Gefängnis fallen die Insassen auf, die keine oder nur unzureichende Schriftkenntnisse haben. Das können sie ändern: Seit Oktober 2008 haben Betroffene in Münsters Justizvollzugsanstalt (JVA) die Möglichkeit, an einem entsprechenden Training teilzunehmen.
Zwei Mal in der Woche heißt es seitdem für die sechs bis acht Teilnehmer, den Kopf frei machen vom Gefängnisalltag und sich intensiv mit Schriftsprache beschäftigen. Texte sollen für sie – die als funktionale Analphabeten gelten und die Schrift bestenfalls wie ein Drittklässler beherrschen – nicht länger ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.
Gesprächsanfragen und Besucherscheine
Die Initiative gründet auf einem Brief eines ehemaligen Gefangenen der JVA: Adressiert an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V., berichtet er darin, dass er große Probleme habe, die üblichen schriftlichen Anträge auszufüllen. Besonders schwierig seien für ihn Gesprächsanfragen und Besucherscheine. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Anlage noch keine Möglichkeit, das Lesen und Schreiben zu lernen.
„Buchstaben überwinden Mauern“
Über den guten Kontakt des Vereins zur Anstaltsleiterin Maria Look sowie zu Mitarbeitern der Gefangenenbibliothek wurde im Herbst 2008 ein Informationsabend vor Ort angeboten: Unter dem Motto „Buchstaben überwinden Mauern“ schauten sich die Insassen einen Film über einen jungen Häftling mit Lese- und Schreibproblemen an. Im Anschluss diskutierten sie gemeinsam mit dem Personal der Einrichtung darüber, welche Rolle die Alphabetisierung im Gefängnis spiele.
Schnell wurde das Bedürfnis nach Unterricht laut: „Unsere Aufgabe im Strafvollzug ist es, die Gefangenen zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“, erklärt Look. „Aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben draußen setzt Lese- und Schreibkenntnisse voraus.“ Dank der inhaltlichen Unterstützung durch den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. und dank der finanziellen Zuwendung durch die „Stiftung Bürger für Münster“ konnte der Kurs eingerichtet werden.
Realitätsferne Vorurteile
Bei der Suche nach einem geeigneten Kursleiter konnte Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes, Tim Tjettmers für ein ehrenamtliches Engagement gewinnen. Der 25-Jährige Pädagogik-Student hat sich auf das Thema Erwachsenenbildung spezialisiert. Nach mittlerweile 65 Unterrichtsstunden zieht Tjettmers das Fazit: „Ich bin immer wieder überrascht, wie positiv die Häftlinge den Kurs annehmen. Sie kommen regelmäßig mit großer Freude zum Kurs, machen gute Fortschritte und sind sehr wissbegierig. Zum Schluss werden oft ,Hausaufgaben‘ verlangt. Dabei zeigt sich auch immer wieder, wie realitätsfern das Vorurteil ist, dass dumm sein müsse, wer nicht lesen und schreiben kann.“
Betroffene verbergen ihre Schwierigkeiten
Dass mangelnde Intelligenz nicht die Wurzel des Problems ist, lässt sich nach Meinung von Alphabetisierungsexperten an verschiedenen Beispielen verdeutlichen. So berichtete ein Häftling, dass er als LKW-Fahrer lange Zeit komplette Fahrtstrecken bis nach Skandinavien auswendig gelernt hatte, weil er nicht richtig lesen konnte. Menschen mit Lese- und (Recht-) Schreibschwächen verbergen ihre Schwierigkeiten häufig. Auch außerhalb der Gefängnismauern nutzen lediglich zirka 20.000 Betroffene die Möglichkeit, in Kursen – zumeist an Volkshochschulen – diese Fähigkeiten zu trainieren.
Weitere Informationen gibt es unter www.chancen-erarbeiten.de sowie unter www.buergerstiftung-muenster.de.
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