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Wie Architektur Aggressionen abbauen und therapeutisch wirken kann

Anne Haarmann entwarf für ihre Masterthesis einen Neubau des Hauses der Wohnungslosenhilfe. [Foto: PR]
Mit der Tat bekam ihre Masterthesis eine „erschreckende Aktualität". Anne Haarmann beschäftigte sich bereits seit Monaten mit dem Haus der Wohnungslosenhilfe in Münster (HdW), als Ende August zwei junge Männer einen Mitbewohner anzündeten.
Er habe zu viel geredet, so die Begründung der mutmaßlichen Täter. „Mein Konzept kann Vorfälle wie diesen vielleicht nicht verhindern", sagt die Absolventin des Fachbereichs Architektur an der Fachhochschule Münster. „aber zumindest Aggressionen reduzieren." Denn für ihre Abschlussarbeit nahm sich die 27-Jährige besonders der Probleme an, die in der baulichen Struktur der Notunterkunft begründet liegen.
Enge prägt das Leben
Viele Male besuchte Haarmann das HdW, sprach lange mit den Mitarbeitern und den ausschließlich männlichen Bewohnern. „Enge prägt das Leben hier", berichtet die frischgebackene Architektin. Die rund 80 Wohnungslosen sind in Mehrbettzimmern untergebracht. Persönlicher Freiraum sei da nicht gegeben. „Dabei muss eine Notunterkunft die vielschichtigen Probleme von Menschen ohne feste Bleibe auffangen", sagt Haarmann und verweist auf die psychologische und therapeutische Wirkung, die Architektur haben kann. „In einer schönen und funktionalen Umgebung verhält man sich ganz anders."
Leitsystem mit Blättern
Haarmanns Entwurf sieht daher etwa Ein- bis Zweibettzimmer, helle Flure und Barrierefreiheit vor. Ein individuelles Leitsystem mit Blättern verschiedener Bäume als gestalterische Elemente erleichtert die Orientierung auch für die Bewohner, die nicht lesen können oder kein Deutsch sprechen.
Lob vom Hochschullehrer
„Architektonisch wie städteplanerisch eine optimale Lösung", lobt Prof. Johannes Schilling, der als Hochschullehrer für Architektur die Arbeit betreute. „Das Gebäude fügt sich in die Umgebung ein, präsentiert sich zugleich aber frech und selbstbewusst vor allem durch seinen ungewöhnlichen Aufbau." Wichtig, weil viele dem Thema Wohnungslosigkeit nur eine geringe Aufmerksamkeit schenkten.
Elend: Blick vor die Tür genügt
Und auch Prof. Dr. Joachim Gardemann, der ebenfalls die Masterthesis betreute, betont die Bedeutung der Arbeit der jungen Architektin: „Man muss nicht in exotische Länder reisen, um Elend zu erleben." Ein Blick vor die Tür genüge. Deshalb besucht der Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe an der Fachhochschule Münster regelmäßig mit Studierenden das HdW. Der Mediziner war es auch, der den Kontakt zwischen Haarmann und Bernd Mülbrecht herstellte. Der Leiter der Notunterkunft ist von dem Modell und einem Begleitbuch, das Haarmanns ausführliche Recherchen auf über 300 Seiten zusammenfasst, überzeugt: „Bisher handelt es sich zwar nur um einen Entwurf, sicher wird er aber Diskussionen in Gang setzten."
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