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[17.05.2010 | ECHO]

Aus sechs mach eins: echo-muenster bekommt ein neues Format. Wir verabschieden uns von den Ressorts Aktuelles, Wirtschaft, Kultur, Hochschulen und Kaleidoskop. Die Sportkollegen werden in gewohnter Qualität weiterhin tagesaktuell berichten - und dies noch ausführlicher tun. Thomas Austermann und Lutz Hackmann bleiben also im wahrsten Sinne des Wortes „am Ball“. 

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Ruprecht Polenz (CDU) fährt direkt nach Berlin - Christoph Strässer (SPD) schwer enttäuscht

Gruppenbild

Die neuen Koalitionäre Daniel Bahr (r.) und Ruprecht Polenz. Links im Bild Polenz-Ehefrau Waltraud. [Fotos: Frobusch]

[27.09.2009 | Münster | MCH/HDT/CKR]

Im dritten Anlauf ist es Ruprecht Polenz (CDU) heute bei der Bundestagswahl gelungen, in Münster dem Konkurrenten Christoph Strässer (SPD) mit einem Stimmenergebnis von 39,26 : 32,62 Prozent der Erststimmen das Direktmandat abzunehmen. Polenz wandte sich nach der Wahl mit den Worten an den unterlegenen Gegner: "Ich weiß, wie Sie sich jetzt fühlen, und möchte mich bei Ihnen für den fairen Wahlkampf bedanken." Der Sozialdemokrakt Strässer wirkte sichtlich enttäuscht, wird aber, wenn auch knapp, doch wieder dem Berliner Bundestag angehören.

Hier einige Stimmen zur Wahl:

Ruprecht Polenz, Spitzenkandidat (CDU): „Ich freue mich sehr und bin ganz vielen Menschen dankbar: Denjenigen, die mir geholfen und mich unterstützt haben und denjenigen, die mich gewählt haben. Die beiden Wahlziele, die wir uns gesteckt hatten, haben wir erreicht. Erstens: Das Direktmandat zu holen. Zweitens: In Münster stärkste Partei zu werden. Und wir können heute richtig feiern, da wir auch ein drittes Ziel erreicht haben: Im Bund mit der FDP regieren zu können.

Ich habe auf einen Sieg gehofft. Beim letzten Mal habe ich ihn um 500 Stimmen knapp verpasst, jetzt kann man einen deutlichen Vorsprung ausmachen. Aber daran denke ich gar nicht. Ich wollte nur gewinnen und das habe ich.

Es kommt eine große Verantwortung auf mich zu, aber es gibt keine Stadt, die ich lieber im Bundestag vertreten würde. Münster ist meine Heimat und darauf bin ich stolz.“

Dr. Berthold Tillmann, scheidender Oberbürgermeister (CDU): „Als Politikwissenschaftler allerdings mache ich mir Sorgen wegen der Relativierung der SPD auf Bundesebene. Da muss man beobachten, wohin das führt. Außerdem wundere ich mich über die Stimmung oder besser gesagt Nicht-Stimmung hier im Rathaus im Gegensatz zu den Kommunalwahlen.“

Markus Lewe, künftiger Oberbürgermeister (CDU): „Das Ruprecht Polenz gewonnen hat, ist ein Beweis dafür, dass die Menschen hier in Münster jemanden gefunden haben, dem sie vertrauen. Ich kann mir in Berlin keinen Besseren vorstellen. Er hat sehr intensiv Wahlkampf geführt und es verstanden, die Menschen zu mobilisieren und das in einer Zeit, in der es so viele Wahlen gibt...

Um eine höhere Wahlbeteiligung zu erzielen, ist meiner Meinung nach Glaubwürdigkeit die entscheidende Frage. Wenn die Menschen merken, dass sie den Politikern vertrauen können, gehen sie auch zur Wahl. Außerdem müssen die Parteien vermehrt die Möglichkeiten des social networks im Internet nutzen, damit sie Politik ebenfalls für junge Menschen interessant machen. Die Mehrheiten im Bund sind stabiler als in Münster, aber darauf bin ich nicht neidisch und die mitleidvollen Blicke, die mir manchmal in Bezug auf die Situation in Münster zugeworfen werden, kann ich nicht nachvollziehen. Denn in jedem Ergebnis steckt eine Chance.“

Christoph Strässer, Spitzenkandidat (SPD): „Ich bin stinksauer: Im politischen Geschäft so abzustürzen wie die SPD am heutigen Abend, das ist die höchste Strafe. Der Frust ist hoch, sowohl politisch als auch persönlich: Auf Bundesebene wurmt mich sehr, dass Schwarz-Gelb eine so bequeme Mehrheit einstreichen konnte.

Hier in  Münster glaube ich, dass ich mit einer klugen Stimmenabgabe der Grün- wie auch Links-Wähler direkt nach Berlin hätte gehen können. Ziel dieser Parteien war es, Schwarz-Gelb zu verhindern – erreicht wurde es nicht, das Ergebnis ist denkbar schlecht.

Wir haben wirklich alles gegeben, haben gut gearbeitet und den Wahlkampf inhaltlich mit großer Überzeugung geführt – doch wenn der Bürger der Meinung ist, dass Herr Polenz nach Berlin gehen soll, dann soll es so sein.

Jetzt heißt es, das Ergebnis zu analysieren und nach Ursachen zu suchen – sonst wird es für die SPD schwierig, aus diesem Tief wieder heraus zu kommen. Schuldzuweisungen sind jetzt völlig fehl am Platze. Der eigentliche Gewinner dieser Wahl ist die FDP – eine Partei, deren Inhalte sich am stärksten von unseren eigenen unterscheiden. Deshalb müssen wir uns jetzt auf eine Oppositionshaltung einstellen.“

Wolfgang Heuer, Fraktionsvorsitzender (SPD): „Ich bin sehr froh, dass Christoph Strässer wenigstens über die Liste einen Platz im Parlament sicher hat. Am Gesamtergebnis lässt sich nichts deuten: Nach dem Ausgang der Kommunalwahl ist es zwar nicht überraschend, dafür aber sehr bitter. Ob die Große Koalition der vergangenen vier Jahre ein Fehler war? Ich denke, dass solche Rückwärts-Betrachtungen niemanden weiterbringen. Wir werden sehen, wie es weiter geht.“

Svenja Schulze, Vorsitzende des Unterbezirks (SPD): „Ein ganz bitteres Ergebnis, das es genau zu analysieren gilt. Wir haben es innerhalb der großen Koalition nicht geschafft, dem Wähler unser ureigenstes Profil zu verdeutlichen. Auch dass die SPD in diesem Bündnis Schlimmeres verhindert hat, ist in der Öffentlichkeit nicht richtig wahrgenommen worden. Zudem leiden wir vermutlich immer noch unter jenen Kommunikationsfehlern, die seinerzeit unter Rot-Grün passiert sind. Was uns augenscheinlich fehlt, ist der direkte Draht zur Basis. Und die ,Kümmerer`, sie sind uns ebenfalls abhanden gekommen.

Dass wir in Münster viel Unterstützung durch junge, engagierte Aktivisten erhalten haben, macht mir für die Zukunft sehr viel Mut. Christoph Strässer hat parallel zum Bundestrend verloren, das aktuelle Ergebnis hat nichts mit seiner Person, mit seiner Politik zu tun.“

Daniel Bahr, Spitzenkandidat (FDP): „Ich bin sehr happy. Es hat sich gezeigt, dass die Hetze und die Angstkampagnen, die im Vorfeld gegen Schwarz-Gelb geführt wurden, nicht gefruchtet haben. Die Bürger haben ihren Wunsch nach einem Wechsel und nach einer stabilen schwarz-gelben Mehrheit kund getan. Natürlich bleiben wir jetzt auf dem Teppich - man kann dennoch sagen, dass die FDP ganz entscheidend zu der stabilen Mehrheit im Bund beigetragen hat. Es gab offensichtlich viele Menschen, die von der CDU und SPD enttäuscht waren.

Meine Zukunft wird nun auf alle Fälle sehr stressig. Bis Weihnachten werde ich ganz sicher sehr wenig Zeit haben. Personalpolitische Entscheidungen kann ich noch nicht voraussagen. Ich bin auch realistisch, denn ich bin noch jung, kann noch viele Jahre warten. Ich war sieben Jahre in der Opposition, deswegen sehe ich jetzt meine neue Situation erstmal voller Freude und Tatendrang.“

Carola Möllemann-Appelhoff, Fraktionsvorsitzende (FDP)
: „ Ich freue mich über das tolle Erststimmen-Ergebnis für Daniel Bahr, vor allem auch persönlich für ihn. Und natürlich außerdem über das Zweitstimmenergebnis. Vor vier Wochen hätten wir uns ebenfalls so einen klaren Wahlausgang gewünscht, um mit der CDU zusammen in Münster regieren zu können. Die Wahlbeteiligung ist sehr schlecht. Aber ich gucke immer über den Tellerrand und im Vergleich zu anderen Ländern, auch zum außereuropäischen Ausland, stehen wir immer noch gut da. Positiv war, so finde ich, dass bei allen Wahlen die Rechten außen vor geblieben sind.“

Maria Klein-Schmeink, Spitzenkandidatin (Die Grünen): „Ich freue mich natürlich sehr über das Wahlergebnis, gehe aber nicht nur mit einem lachenden, sondern auch mit einem weinenden Auge nach Berlin: Wir erleben mit der klaren schwarz-gelben Mehrheit einen deutlichen Rechtsruck im bürgerlichen Lager. Was die Gesundheitspolitik betrifft, erwarte ich massive Einschnitte. Der soziale Zusammenhalt wird fehlen.

Auch was die Themen Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit angeht, mache ich mir große Sorgen. Als Kandidatin für Münster bin ich stolz darauf, dass wir sowohl für die Landes- als auch Bundespolitik inhaltliche Impulse setzen konnten. Ich fühle mich gestärkt für Berlin und will diesen besonderen Auftrag, den die Münsteraner mir mit auf den Weg geben, gerne annehmen. Was die anderen Abgeordneten aus Münster angeht, wird es eine gute Zusammenarbeit geben: Besonders in der Flüchtlingspolitik und in der Frage des Bahnhofs hat es schon Schulterschlüsse gegeben.

In Gesundheits- und Sozialfragen gehen die Meinungen allerdings auseinander. Nicht zuletzt ist es sehr schön, als erste Frau den Weg ins Parlament anzutreten.“

Winni Nachtwei, ehemals MdB (Die Grünen): „Während das Ergebnis auf Bundesebene mich eher getrübt stimmt, finde ich den Wahlausgang in Münster richtig klasse: Wir haben hier unser Potenzial voll ausgeschöpft, grüne Themen sind hier einfach gefragt. Ich freue mich sehr für Maria, dass sie nach Berlin gehen wird.“

Hubertus Zdebel, Spitzenkandidat (Die Linke): „Ein hervorragendes Resultat, mit dem ich mehr als zufrieden bin. Und was die Zweitstimmen anbelangt: Da haben wir im Vergleich zu den Kommunalwahlen unseren Anteil mehr als verdoppelt. Noch besser finde ich unsere Quote auf NRW-Ebene – mit fast neun Prozent ein Super-Ergebnis. Das gute Abschneiden der Linken insgesamt führe ich darauf zurück, dass wir – beispielsweise in puncto soziale Gerechtigkeit - die richtigen Themen gesetzt haben. Katastrophal, dass es die die SPD derart schlimm erwischt hat. Hoffentlich zieht sie daraus die richtigen Lehren.“

Rüdiger Sagel, MdL (Die Linke): „Die Menschen haben verstanden, wer die soziale Kraft im Lande ist. Der heutige Abend zeigt, dass sich unsere Partei nicht nur stabilisiert hat, sondern deutliche Gewinne einfährt. Ein kräftiger Schub, den wir für die Landtagswahl nutzen werden. Die SPD muss sich nun auf einen Neuanfang besinnen. Nach all dem, was die Spitzenleute da am Abend von sich gegeben haben, ist eine rigorose Umorientierung eher nicht zu erwarten.“

Marco Langenfeld, Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl (Piratenpartei): „Wir können mit unserem Ergebnis zufrieden sein. Der klare Trend, dass wir in der Bürgerschaft mit unseren Themen an Bedeutung gewinnen. Ein gutes Zeichen auch für die kommende Landtagswahl, bei der ich mir sicher bin, dass wir die Fünf-Prozent-Hürde knacken werden. Für die nächste Bundestagswahl bin ich ohnehin optimistisch.“

Fritz Pfau, OB-Kandidat bei der Kommunalwahl (UWG): „Wenn ich in die Runde blicke, scheint keiner so richtig glücklich zu sein. Ich befürchte, dass der Erdrutsch bei den Sozialdemokraten das gesamte Gefüge mächtig durcheinander wirbeln wird.“

Miriam Chavez-Lambers / Wolfgang Halberscheidt / Caroline Kern

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Bundestagswahl 2009

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