Münsterland-Giro: Boom hält an - Nicht nur Hobby-Sportler unter 4016 Jedermännern

Stadtauswärts: An der Halle Münsterland nahmen die Jedermann-Radsportler in diesem Jahr Aufstellung. [Fotos: Austermann]
4016 so genannte Jedermänner machten sich auf den (Rad-)Weg. Drei Strecken standen zur Auswahl. Eine Massenveranstaltung sondergleichen – 2006 bei der Premiere des Sparkassen-Münsterland-Giro radelten 2000 Enthusiasten mit. Das heterogene Feld bestücken längst nicht mehr nur Hobbyfahrer oder Freierabendsportler.
Denn mitten unter den vielen lupenreinen Amateuren, den Spaß- und Gesundheitsanhängern, tummeln sich semiprofessionelle Radsportler, die ihr Material zu Markte tragen.
„Wir müssen aufpassen“
Die Industrie hat einen Absatzmarkt mit großem Potenzial entdeckt. Und
bestückt bestens organisierte Teams mit Ausstattung und erstaunlichen Etats – heraus kommen Ambitionen, die dem Grundgedanken der bundesweiten Rennserie namens German Cycling-Cup (GCC) kaum noch gerecht werden. Münsters Rennleiter Alexander Donike (48/Foto) aus Düren, Fachmann ersten Ranges und quasi ein Vertreter der reinen Lehre: „Wir müssen aufpassen und auf diese Entwicklung reagieren. Jedermann-Rennen sollen eine Breitensportveranstaltung bleiben, ohne den Kampf Mann gegen Mann.“
Eine neue Szene
Donike kennt seine Pappenheimer. „Da bildet sich eine neue Szene, die für Sponsoren interessant ist. Unternehmen gehen sozusagen direkt an den Endverbraucher heran. Vom Reglement her ist es schwierig geworden, solche gemischten Felder unter einen Hut zu kriegen.“ Der Bund Deutscher Radfahrer und der Verband Deutscher Radrennveranstalter, die als GCC-Ausrichter in 2009 zehn deutsche Stationen abradeln ließen und in Münster die letzte, sollten verhindern, „dass wir irgendwann eine Netto-Liga haben oder Dopingkontrolleure vor der Tür stehen.“
Differenzierte Urteile
Über die 156, 0 km („Cup der LBS“), über 108,1 km („Cup der Westfälischen Provinzialversicherung“) oder die Kurzstrecke 77,1 km („Cup der WestLB“) durch den Kreis Warendorf bis hinein ins Ziel am Hindenburgplatz in Münster
wird idealerweise jeder für sich gefahren sein – oder gespürt haben, dass andere viel schnellere Beine hatten. So unterschiedlich wie die Voraussetzungen und Ziele der Frauen und Männer auf den bunten Leicht-Leezen sind, so differenziert fielen ihre Urteile nach der Zielankunft aus.
Aus Emden herbei gefahren war Herbert Baltrusch – 2008 siegte er in Münster nach 110 km und in diesem Jahr in Hamburg auch schon. Ein routinierter Kämpfer, der am Feiertag nach dem Provinzial-Rennen kopfschüttelnd Bilanz zog. „Im Ziel, ich hatte Tempo 60 drauf und wollte gerade den Spurt anziehen, bremsten die Vorausfahrzeuge und Motorräder plötzlich ab. Wir mussten reagieren – das hat alles kaputt gemacht.“ Man habe vorne „wohl unterschätzt, wie schnell wir sind.“
Der Sieger schlängelte sich zwischen den Autos und Krädern hindurch, waghalsig und erfolgreich nach 2:41 Stunden. Auf 41,9 km/h errechnete man den Schnitt auf der flachen Strecke.

Vater und Sohn nehmen die 108,1 km in Angriff: Volker (l.) und Benjamin Baudisch aus Albachten.
Vorne hat man es gut
Der Albachtener U 23-Amateur Benjamin Baudisch (RSV Münster), als C-Klassenfahrer noch zugelassen bei diesem Giro, war Vorjahres-13. auf der Mitteldistanz und musste jetzt Seite an Seite mit seinem Vater Volker die Spitze ziehen lassen. „Das war fürn A…“, schimpfte er nach der Zielankunft über das Verhalten der Konkurrenten und Mitstreiter. „Die werden schnell nervös, machen Fehler und stürzen. Die meisten kennen das ja gar nicht, richtig in der Gruppe zu fahren.“
Etliche Stürze sah er, zu seinem Glück im Blick zurück. „Wir waren immer vorne unter den ersten 30 oder 40 Fahrern, da geht es noch.“ Bei 75km/h stoppte sein Tacho die Tageshöchstgeschwindigkeit. „Ich weiß nicht mehr, wo das war, aber die Strecke war eh zu flach. Ich mag es bergiger.“ Im Öztal ist er 2009 gefahren über 238 km, zum Training geht es oft ins Sauerland.

Im Ziel des Mittelstrecken-Wettbewerbs wurde es eng. Es wurde vorne gebremst und manch einer suchte ganz fix die Lücken.
„Alles bestens“
Deutlich gelassener, weil keineswegs auf Platz und Zeit fixiert, wertete mit Dieter Rosenbaum der Tri-Finish-Vorsitzende und Chef des Sparda-Citytriathlon am Ende seiner 108-km-Tour. Der erfahrene Radsportler, unterwegs mit Dreikämpfern und Wasserballern, sah zwar auch „ein paar richtig blöde Stürze“, lobte aber „die Top-Veranstaltung. Auf der Strecke war alles bestens abgesichert.“
Bis 2013 ist die Fortsetzung des Münsterland-Giro gesichert. Dass der Boom anhält, ist zu erwarten – deutschlandweit peilt Münster anzahlmäßig bereits Rang drei aller Jedermann-Rennen an. Ganz vorne ist Hamburg mit 22.000 Teilnehmern.
Thomas Austermann
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