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[17.05.2010 | ECHO]

Aus sechs mach eins: echo-muenster bekommt ein neues Format. Wir verabschieden uns von den Ressorts Aktuelles, Wirtschaft, Kultur, Hochschulen und Kaleidoskop. Die Sportkollegen werden in gewohnter Qualität weiterhin tagesaktuell berichten - und dies noch ausführlicher tun. Thomas Austermann und Lutz Hackmann bleiben also im wahrsten Sinne des Wortes „am Ball“. 

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"Münster ist gut drauf": Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann übergibt eine moderne Stadt

Porträt: Dr. Berthold Tillmann

Oberbürgermeister Berthold Tillmann: Er hat die Stadt während seiner zehnjährigen Ära an der Spitze von Rat und Verwaltung atmosphärisch voran gebracht. [Fotos: Austermann/Frobusch]

[19.10.2009 | Münster | HDT]

Der Termin ist gesetzt, insofern unwiderrufbar. Und damit ein bemerkenswertes Datum:  20. Oktober 2009. Für Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann der ultimativ letzte Tag in seinem Dienstzimmer. Doch Traurigkeit kann er darüber kaum empfinden: „Ich bereue nichts, bedauere nichts. Mein Entschluss, nach zwei Legislaturperioden abzutreten,  steht nach wie vor.“

Die Art, wie glaubhaft der 59-Jährige im echo-Interview auf dieses Thema reagiert, legt fast die Vermutung nahe, dass er sich insgeheim schon danach sehnt, nun endlich wieder „ein freier Mann“  sein zu können. „Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen“, fügt er rasch  hinzu, „ich habe mein Amt gerne ausgefüllt, habe mich wohl dabei gefühlt. Doch irgendwann ist alles vorbei.“

"Souveräner Repräsentant"

Rational klingt das, abgeklärt, durchdacht  – das Statement eines Realisten, der um die Schnelllebigkeit von Karrieren weiß. Doch es macht den Routinier verlegen, wenn jetzt fast durchgängig vom „Ende einer imponierenden Ära“ geredet wird und ihm Freunde wie Gegner gleichermaßen reichlich Positives nachsagen. Dass ihn gar ein bekennender Oppositioneller wie Rüdiger Sagel  (Die Linken) als Wortführer bezeichnet, „der Format besaß und Münster souverän nach außen repräsentierte“, oder Querdenker Rainer Bode von den Grünen bis auf die „falsche Parteizugehörigkeit“ nicht viel auszusetzen hat,  lässt den Erziehungswissenschaftler hintersinnig schmunzeln.  

„Vielleicht“, flachst er, „hat mein Stil doch etwas bewirkt “ – und mag’s nicht verschweigen: „Richtige Schluckbeschwerden“ vor lauter Rührung bereitete jener „denkwürdige Moment“ während der jüngsten Ratssitzung, als ihm sämtliche Fraktionen  nach der offiziellen Schlussbemerkung minutenlang Standing Ovations spendierten.  „Damit“, gestand Tillmann noch zwei Wochen später vor öffentlicher Kulisse innerlich bewegt ein, „hatte ich überhaupt nicht gerechnet.“

Persönliche Verdienste

Unterm Strich scheint es ihm zu behagen, dass sein Bemühen, "fair und gerecht“ auf das jeweilige Gegenüber eingegangen zu sein, dabei möglichst niemanden auszugrenzen, nunmehr breit honoriert wird. Angesprochen auf die persönlichen Verdienste als OB,  fällt dem gebürtigen Sauerländer das Fazit allerdings sichtlich schwer: „Das müssen andere beurteilen, ich bin da befangen.“

Launige Fachsimpeleien unter Parteifreunden: Bei der Wahlkampfkundgebung von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (r.) schien der Oberbürgermeister (l.) rasch die richtige Wellenlänge zu dem Ehrengast aus Berlin gefunden zu haben. Den CDU-Kreisvorsitzenden Markus Lewe und Stefan Weber (im Hintergrund) behagte das lockere Zusammentreffen offenbar ebenfalls. Foto: Frobusch 

Wenn er nach kurzem Überlegen trotzdem antwortet, dann mit dem Duktus des geschliffen formulierenden Analytikers: „Uns“ - der Begriff ist bewusst gewählt - „uns ist es in der Vergangenheit geglückt, Münster in der Liga der europäischen Regionalhauptstädte zu verankern“ – ein Erfolg, der auf tatkräftigem Teamwork beruhe. Ja, die Atmosphäre vor Ort sei moderner, internationaler, weltoffener geworden, geradezu lässig: „Münster“, formuliert Tillmann, „die anerkannte Stätte für Wissenschaft und Lebensart, ist gut drauf“ – befreit von der Enge, die bisweilen in früheren Zeiten geherrscht habe. 

"Konkurrenz der Gesinnungen"

„Die Pluralität nicht aus den Augen zu verlieren - das war’s, was ich mir von Anbeginn verordnet hatte. Oder anders: Mein Ziel bestand darin, das gleichberechtigte Miteinander  unterschiedlicher Milieus voran zu bringen“ -  ein Miteinander, bei dem die GGUA (Anmerkung der Red.: Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender)  genauso respektiert werde wie der Schützenverein von nebenan. 

Mit klarer Ausrichtung für jeden Beteiligten: „Leben und leben lassen“ - wobei „gesunde Konkurrenz der Gesinnungen“ für das „große Ganze“ immer nützlich sei. „Aber es war nie mein Anliegen, Dominanzen zu schaffen. Was wir brauchen, ist vielmehr eine gewisse Grandezza im Umgang mit Andersdenkenden.“ 

Bedeutungsvolle Bemerkungen

Belange der Menschen, deren Sorgen und Nöte, hätten ihn immer besonders interessiert: „Vermutlich kann ich meine Prägung durch die christliche Soziallehre nicht verleugnen.“ Tillmann zeigt sich zudem „tief dankbar“ für die zahlreichen bedeutungsvollen Begegnungen, aus denen er stets habe lernen dürfen.

Bei der Aufzählung von Persönlichkeiten, die ihn „face to face“ über den Tag hinaus nachhaltig beeindruckten, nennt er Schwester Evelyne in einem Atemzug mit Kofi Annan: „Zugegeben - ich bin neugierig auf Leute. Auf das, was sie beschäftigt, was sie umtreibt, wie ihnen im Einzelfall zu helfen ist.“ Da schimmert er durch, der wache Blick eines Soziologen, der Handlungsweisen zu reflektieren versteht.

"Tiefsitzende Abwehrmechanismen"

Deshalb spricht der Profi auch mit derselben Freimütigkeit über die „Wehmutstropfen“,  welche er als „Negativ-Posten“ in der eigenen Bilanz verbucht: Natürlich -  das Hickhack um die von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnte Tiefgarage unter dem Ludgerikreisel  sei „schmerzhaft“ gewesen - ähnlich wie die per Plebiszit gekippte Musikhalle auf dem Hindenburgplatz.

Der Oberbürgermeister und die Bürgermeisterin: Dr. Berthold Tillmann und Karin Reismann bildeten in puncto Repräsentation ein enges Gespann. Foto: Frobusch

Zwei Projekte, die offenbar - höchst emotional besetzt – innerhalb der Bevölkerung tiefsitzende Abwehrmechanismen mobilisiert hätten. „Gerade bei der Entscheidung um das Kultur- und Kongresszentrum“, der Christdemokrat mag sich die Zwischenbemerkung nicht verkneifen, „wurden elementare gesellschaftliche Bereiche gegeneinander ausgespielt, ganz abgesehen von den gravierenden Kollateralschäden,  die dadurch entstanden sind.“ Und, selbstverständlich, hätte er sich in der Sache lieber das gegenteilige Resultat gewünscht:  „Aber - da hilft kein Hadern. Das sind normale Abläufe, die es in einer Demokratie zu akzeptieren gilt.“ 

"Unausweichliche Entwöhnungsprozesse"

Beim Thema Haushaltslage hingegen verzieht Tillmann leicht das Gesicht: „Dass es trotz eifrigster Anstrengungen nicht gelang, Münster vor der Gefahrenzone zu bewahren, tut mir, dem ehemaligen Kämmerer, extrem weh.“ Dabei habe sich die Kommune auf einem „richtig guten Kurs“ befunden, „bis uns die Finanz- und Wirtschaftskrise einholte.“

Mehr als ein feiner Zug: Zum Start des Internet-Portals echo-muenster im November 2007 stattete Dr. Berthold Tillmann zusammen mit seinem Referenten Oliver Teuteberg der frisch gegründeten Online-Redaktion einen Arbeitsbesuch ab - und übernahm per Video-Botschaft das offizielle Grußwort für die Leserschaft. Foto: Gertz

Was die städtischen Leistungen anbelangt, prophezeit er für die Zukunft unausweichliche  Entwöhnungsprozesse. „Wir leben schlichtweg über unsere Verhältnisse. Hier müssen Politik und Verwaltung die entscheidenden Weichenstellungen treffen.“

"Urlaubsähnliche Phase"

Und die eigenen, wie sehen sie aus? „Keine neue Karriere, keine neuen Engagements“ – das Statement kommt wie aus der Pistole geschossen. Die nächsten Monate vergleicht Tillmann mit einer „eher urlaubsähnlichen Phase“, in der Etliches von dem nachgeholt werde, was er in den vergangenen Jahren – unter dem Druck  der zahlreichen Verpflichtungen  - privat zwangsläufig vernachlässigte. „Vor allem freue ich mich darauf,  dass Zeit für mich nicht mehr chronisch knapp bemessen ist.“ 

So will er lesen, kochen, will verreisen, wieder intensiver Gitarre spielen, mit dem Mountain-Bike, an der Seite seiner Ehefrau, die Gegenden erkunden. Und sportlich fit möchte er bleiben, reklamiert in der Beziehung „immensen Bedarf“. Darüber hinaus liebäugelt der Ex-OB mit der Idee, an der hiesigen Universität einen Lehrauftrag zu übernehmen - auch das ein oder andere Ehrenamt, beispielsweise als Kuratoriumsmitglied, rangiert in der Prioritätenliste weit oben. „Keine Bange“, kündigt er lächelnd an, „ich werde in kein schwarzes Loch stürzen. Da ich frühzeitig meinen Abschied  planen konnte, bin ich bestens vorbereitet.“      

Die letzte Frage bezieht sich auf die künftige Präsenz im Rathaus. Tillmann sagt’s ohne Umschweife: „Ein erledigtes Kapitel. Nicht mein Ding, mich noch einzumischen.“ 

Wolfgang Halberscheidt 

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