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Wo die Mädchen noch wilder als die Kühe sind ...
Hallo Leute, schön dass Ihr da seid!
„Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland,
begrabt mich mal am Lennestrand,
wo die Misthaufen qualmen, da gibt’s keine Palmen.
Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland.
Vergrabt mein Herz im Lennesand,
wo die Mädchen noch wilder als die Kühe sind....“
So sang die Sauerländer Rockgruppe „Zoff“ in den 80er Jahren......
Ja das sind Textzeilen! Jetzt frage ich mich: bin ich im Herzen Sauerländer, weil dort an Lüdenscheids Christuskirche meine Wiege steht, oder bin ich jetzt, nach einem halben Jahrhundert in der Domstadt, mit Leib und Seele Münsterländer?
Eine Woche ist vergangen, seit ich mit Peterchen, Richi und Jebe in Lüdenscheid ein Revivalkonzert mit unserer ehemaligen Schülerband "Hi You There" gespielt habe. Es war wunderbar, der Laden war ausverkauft, geballte Nostalgie pur, hunderte von ehemaligen Lüdenscheidern und Sauerländern, die das Gebirge nie verlassen haben, lagen sich mit Freudentränen in den Augen in den alten Armen.
Dabei sah am Samstagnachmittag alles noch ganz anders aus: Jahrhundertschneesturmtief „Daisy“ hatte sich angekündigt und drohte, wie Wolli sagte, alles platzen zu lassen. Schließlich waren 100 Kilometer auf tief verschneiter A1 in Richtung Süden von uns Münsteraner Flachländlern zu bewältigen. Von eisigen Winden zu gigantischen Schneewächten aufgetürmte, die Autobahn verbarrikadierende Schneemassen wollten uns einen Strich durch die Rechnung machen. Die eiskalte Faust des Sauerlandwinters drohte die von zwei Hundertschaften alter und sehr alter Hi You There Fans (Durchschnittsalter knapp unter 60) geplante Wiedersehensfeier zu vereiteln. So sah es zumindest mein guter Freund Wolli, der mich am frühen Nachmittag anrief:
„Hallo Gerd, ich bin’s, Wolli“ stöhnte er.
„Hör auf zu stöhnen“ antwortete ich, „was ist los?“
„Ihr müsst Euer Konzert absagen. Im Sauerland geht nichts mehr!“ Und weiter:
„Ächz, stöhn!“
Ich fragte mich, was denn jetzt wohl los sei. Ein Konzert absagen wegen Schnee? Das wäre das erste Mal seit über vier Jahrzehnten. Und außerdem, irgendwie gehören wir Zwillinge und Peterchen ja doch wohl immer noch ein wenig zur Spezies der Sauerländer, dieser Volksgruppe, für die Frieren ein Fremdwort ist, und die sich niemals, wirklich niemals, durch klimatische Widrigkeiten wie Regen, Matsch, Schnee, Eis oder Sturm von einmal geplanten Trinkgelagen und Konzerten abhalten lässt.
„Was heißt das Wolli, du kommst doch aus Lüdenscheid, seit wann machst du dir denn wegen so ein wenig Schnee ins Höschen?“ fragte ich provokativ.
„Es herrscht Land unter, Gerd. Die A 45 ist dicht! Vergesst Euer Konzert!“ Dann wieder: „Ächz, stöhn, dabei wäre es so schön gewesen.“
„Wenn die Autobahn dicht ist, okay, dann über Land, wo ist das Problem?“ Das klang vermutlich ein wenig großspurig, denn Wolli antwortete: „Mach was du willst, ich jedenfalls bleibe hier!“ Und legte auf. Na ja und da machte ich mir Gedanken um meinen alten Freund. War er vielleicht jetzt doch in den langen Jahren im Münsteraner Tiefland verweichlicht? Ja, was glaubte er denn? Sollten diese weißen, unser grünes Münsterland mit einem Leichentuch bedeckenden Flocken von bösen Mächten auf die Erde geschickt worden sein, um uns hinter den warmen Kamin zu verbannen?
Wir nahmen dann vorsichtiger Weise unseren winterbereiften PKW und ließen den grünen Bandbus mit seiner roten Plakette unter einer dicken Schneeschicht zu Hause stehen, so eine Art Winterurlaub für unser Bandgefährt. Die A 45 war zwar nicht gerade das, was man als Automobilist „frei“ nennt. Und als kurz vor Lüdenscheid Nord nur noch eine Spur befahrbar war, die beiden anderen Schnee bedeckt waren, kam bei Richi kurz der Münsteraner durch, als er sagte:
„Oh, oh, wenn das man gut geht.“
Wir fuhren zwar langsam, aber wir kamen an. Na ja, und dann waren wir da, wir spielten Lieder, die allesamt mindestens 40 Jahre auf dem Buckel hatten, und feierten mit etwa zweihundert Sauerländern ein großes gemeinsames Wiedersehensfest. Vom Wetter, Temperaturen oder Schnee sprach an diesem Abend niemand, auch nicht die von weit her angereisten aus München, vom Niederrhein oder gar aus Berlin.
Für einen Abend waren sie wieder das, was sie vor einem halben Jahrhundert schon waren: Sauerländer. Auf die Frage: „Bist du denn nun Sauerländer oder Münsterländer?“ weiß ich leider immer noch keine Antwort. Wenn man die Antwort am individuellen Empfinden winterlicher Temperaturen festmachen will, okay, dann bin ich vielleicht Sauerländer.
Ist es aber, wie die Musikanten der Gruppe Zoff wohl glauben, für einen waschechten Sauerländer Burschen das größte Glück dieser Erde, dass „Mädchen noch wilder als die Kühe sind“, dann muss ich passen und bin gerne Münsterländer. Und Misthaufen qualmen sowohl im Sauer- als auch Münsterland!
Macht’s Bässer, Euer Gerd
P.S.: Am Samstagabend, etwa 21 Uhr 30, kurz nach der ersten Pause - wir spielten gerade „Let’s go to San Francisco“ - bahnte sich ein neuer Gast seinen Weg durch die Zuschauer bis vor die Bühne: Wolli war da! Ein Stück weit ist eben auch Wolli noch Sauerländer!
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