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[17.05.2010 | ECHO]

Aus sechs mach eins: echo-muenster bekommt ein neues Format. Wir verabschieden uns von den Ressorts Aktuelles, Wirtschaft, Kultur, Hochschulen und Kaleidoskop. Die Sportkollegen werden in gewohnter Qualität weiterhin tagesaktuell berichten - und dies noch ausführlicher tun. Thomas Austermann und Lutz Hackmann bleiben also im wahrsten Sinne des Wortes „am Ball“. 

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Rütteln an der freiheitlich musikalischen Grundordnung

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[21.04.2010 | brachtvoll]

Hallo Leute, schön, dass Ihr da seid!

Es war etwa im dreizehnten Jahrhundert, als der Fürst Dadarius Dädalus der Dritte aus Dresden seinen Hofgeigenbauer zu sich an den Thron kommen ließ und sich von dem Künstler ein Instrument wünschte, welches dem Namen des Fürsten zur Ehre gereichen sollte: Dadarius Dädalus der Dritte.

Es sollte ein Bass sein, wohl aussehend, warm und voll klingend und obendrein leicht zu spielen. Vor allem aber, und so wünschte es sich Fürst Dadarius Dädalus der Dritte aus Dresden, sollte das tiefe „D“ - dieser eine Ton, der entsteht, wenn man die dritte Saite des Basses frei zum Schwingen bringt - lauter sein als alle anderen Töne des Instrumentes, dem Fürsten zur Ehre. Bis in das hohe Alter von 97 Jahren experimentierte der Instrumentenbaumeister an der Konstruktion eines Basses, der eben diesem ganz besonderen Anspruch genügen sollte. Er probierte unterschiedlichste Hölzer und Formen, Violinen und Gambenformen, große, mittlere und kleine.

Zur Herstellung der Saiten verwendete er die Därme der exotischsten Tiere, die er sich aus den entlegendsten Winkeln der Erde nach Dresden bringen ließ. Es sollten aber viele, viele Jahre vergehen und der Geigenbauer musste viel Schweiß und Tränen vergießen, bis er am Ziel seiner Träume angelangt war. Erst drei Jahre nach dem Tod des Fürsten Dadarius Dädalus des Dritten aus Dresden gelang es ihm, ein Unikat, ein Einzelstück, diesen einen, einzigen Wunderbass mit dem tiefen, lauten alles überstrahlenden „D“ zu erschaffen. Allein, es fand sich nicht ein einziger Musikant, der in der Lage gewesen wäre, die gewaltige Kraft des einmal angeschlagenen tiefen „D“ zu bändigen.

Wo und wann auch immer ein Bassist versuchte, mit diesem Instrument seinen Mitmusikanten das Fundament für ihr musikalisches Tun zu liefern, wurde er mit Worten wie „Mörder! Zerstörer! Terrorist!“ von der Bühne und in die Flucht geschlagen, sobald das tiefe „D“ ertönte. So fand sich in mehr als sechshundert Jahren nicht ein Musiker, der dieses Instrument häufiger als höchstens einmal zum Einsatz brachte. Und so schlummerte die Bassgeige auf staubigen Dachböden, in den Hinterzimmern schäbiger Spelunken, in vergessenen Rumpelkammern und dunklen Kellergewölben.

Auf Umwegen gelangte das Instrument schließlich in das Münsterland, wo es bis zum Beginn des 21ten Jahrhunderts unentdeckt in der hintersten Ecke der Backstube eines Münsteraner Bäckermeisters lehnte und auf seine Erweckung wartete. Es war an einem  Ostersonntag in diesem Jahrhundert, als ein hiesiger Musiker früh morgens das Ladenlokal des Bäckermeisters betrat, um für sich und seine Familie ein Tüte Frühstücksbrötchen zu erwerben. Er sah ausgemergelt aus, hatte tiefe Ringe unter den Augen und es war nicht zu übersehen, dass der Musiker viel und lange geweint hatte.

„Wo drückt der Schuh? Kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Bäckermeister besorgt.

„Ach,“ antwortete der Musiker, „ich habe das ganze Wochenende wieder mit meinem Bruder gespielt, zur Freude der vielen Besucher.“

„Aber das ist doch wunderbar, warum weinen Sie denn dann so?“

„Wissen Sie, ich spiele zwar mit meinen Freunden, aber niemand kann mich hören, mein Bruder bläst so kräftig in sein Horn... Da habe ich keine Chance. Gäbe es doch nur ein einziges Mal an solch einem Wochenende nur einen einzigen Ton, der so laut wäre, dass man ihn genauso deutlich vernehmen kann wie das talibaneske Saxofon meines Bruders....“

„Da habe ich etwas für Sie“, freute sich da der Bäckermeister und führte ihn in die Backstube, befreite das alte Streichinstrument vom Staub und erzählte dem Musiker die Geschichte vom Fürsten Dadarius Dädalus dem Dritten aus Dresden.

Unglaublich, aber wahr: diese Geschichte habe ich unserem Publikum am vergangenen Sonntag von der Jubiläumsbühne des Münsteraner Jazzclubs erzählt, Ihr erinnert Euch: die feierten 10-Jähriges. Und alle, okay vielleicht nicht wirklich alle, aber doch etliche haben geschmunzelt. Dann aber nach dem Konzert, tritt ein netter älterer Herr an mich heran und fragt:

"Sagen Sie, ist das denn wirklich wahr?“ Ich frage:

"Was denn?“ Und er:

„Na ja, dieser Fürst aus Dresden, und Ihr Bass, stammt der aus dem dreizehnten Jahrhundert?“

Da, muss ich sagen, habe ich gestaunt und habe ein wenig über den Lügenbaron, den Freiherrn von Münchhausen, schließlich aber auch über unsere wahlkämpfenden Politiker nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: Egal, was sie uns erzählen, und sei es noch so ein hahnebüchener Unsinn, irgendeiner findet sich immer, der die Geschichte glaubt.
   
Und ich glaube, dass wenn das tiefe „D“ zu laut an der freiheitlich musikalischen Grundordnung rüttelt, es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Verfassungsschutz sich um die Angelegenheit kümmert und einen Lauschangriff startet.

Macht’s Bässer, Euer Gerd

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