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Dem Krieg davongerannt: Naturtalent Osman aus Eritrea läuft Bestzeit um Bestzeit

Weit weg von Eritrea hat Leichtathlet Ibrahim Osman in Münster eine neue Heimat gefunden. [Foto: Hackmann]
Auf den ersten Blick wirkt Ibrahim Osman unscheinbar und fast ein wenig scheu. Auf jeden Fall zierlich. Und nicht gerade wie eine Sportskanone. Der Eindruck trügt. Der 16-jährige Junge, der vor genau elf Monaten aus dem schwarzafrikanischen Eritrea allein nach Deutschland kam, sorgt seit einiger Zeit im Dress der Laufsportfreunde Münster (LSF) für Staunen bei Trainern und Klubkollegen.
Auf der Mittelstrecke ist Ibrahim zu Hause, das steht fest. Auf welcher Distanz nun genau, ist auch seinem Trainer Michael Holtkötter noch nicht ganz klar. Denn am Wochenende nahm Osman neben den 3000 und 5000 Metern, bei denen der seit Dezember für die LSF startende B-Jugendliche regelmäßig Altersklassensiege erzielt, quasi im Vorbeilaufen auch noch die 1500 Meter in sein Spezialitätenprogramm auf. Beim Bahneröffnungsfest in Dülmen ging der Afrikaner erstmals überhaupt auf diese Strecke, legte gleich eine 4:31,82 hin und wurde Zweiter im Gesamtfeld! Auf Anhieb erfüllte er damit auch die A-Norm für die Westfalenmeisterschaften der MJB.
Enormes Talent
Das Talent des 16-Jährigen scheint enorm, kürzlich verbesserte Ibrahim Osman seine Bestzeit über 5000 Meter um 29 Sekunden auf 17:22 Minuten. „Er macht im Training sehr große Fortschritte, die mich fast schon ängstigen“, formuliert es Trainer Holtkötter. Wobei Osman auch noch einen Schwachpunkt abstellen muss: Die Einteilung der Läufe bereitet dem Eritreer noch Probleme.
Im Kriegszustand
Dass Ibrahim nun die Laufgruppe bei den LSF verstärkt, finden Athleten wie Trainer an sich super. „Er ist ein netter, offener Kerl. Sehr angenehm, und auch sehr ehrgeizig. Man hat den Eindruck, dass Ibrahim immer lächelt“, sagt Holtkötter (Foto). Andererseits sind die Umstände, die den jungen Mann aus Ostafrika nach Münster trieben, erschreckend. Osman kommt aus einer intakten Familie aus Eritrea, doch im letzten Jahr entschieden sich die Eltern, den Sohn ins Ausland, nach Deutschland, in eine Pflegefamilie zu schicken. Denn Eritrea ist seit der Abspaltung von Äthiopien 1993 – nach einem 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg – weiterhin ständig im Kriegszustand. An den Grenzen zu Äthiopien und Dschibuti knallt es immer wieder. Und die notwendigen Soldaten zieht der Staat im Alter von 15, 16 Jahren rücksichtslos ein. Für den Krieg eines Landes, das eher einer Diktatur als die ausgerufene Demokratie ist, und das ständig Zielpunkt der Kritik von UN oder Amnesty International ist.
Über Hamm nach Münster
Die Angst, dass Ibrahim aus heiterem Himmel zum Militär zwangsrekrutiert werden würde, hat die Eltern zu diesem schwierigen Schritt getrieben. Über die Niederlande und Hamm, seine erste Station in Deutschland, kam Osman im November zu einer Pflegefamilie nach Münster. Hier besucht er nun die achte Klasse der Geistschule, seit Dezember ist er nach Kontakten, die seine Pflegemutter zu den LSF knüpfte, Mitglied der Holtkötter´schen Trainingsgruppe.
Am Anfang war das Heimweh
„Am Anfang habe ich schon viel vermisst“, sagt Ibrahim leise und schaut dabei auf den Boden, „Freunde, die Eltern.“ Doch auch durch den Sport hat der junge Schwarzafrikaner Anschluss an diese, für ihn doch so fremde Gesellschaft gefunden. Seine Eltern hat der 16-Jährige seither nicht gesehen, „ich telefoniere aber oft mit meiner Mama“, bekennt Osman. Der Leichtathlet, der auch noch Fußball spielt, macht das Beste aus der Lage. Dienstags und freitags trainiert er mit der LSF-Gruppe, „da möchte ich den Umfang noch erhöhen“, deutet der Mittelstreckler an. Und zwar nicht, weil er eine Karriere plant: „Da habe ich keine Ziele. Ich lasse das jetzt einfach auf mich zukommen.“ Schließlich ist der wahre Beweggrund doch ein anderer: „Ich liebe es einfach zu laufen“, sagt Ibrahim Osman, „schnell zu laufen!“ Gesagt, getan, könnte man sagen…
Lutz Hackmann
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