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Mit Gift gegen Gesichtslähmung

Botox

Dr. Pablo Pérez-González spritzt das Botulinum-Toxin, um Kontrakturen zu verhindern. [Foto: Wolfram Linke]

[19.04.2008 | Münster | WLI]

Der Kampf um Jugend kennt keine Grenze. Trendy ist es seit einiger Zeit, sich bei Fingerfood und Champagner zur "Botox-Party" zu treffen, um sich dann dabei von einem Arzt das Nervengift Botulinumtoxin unter die Gesichtshaut spritzen zu lassen.

Aber Botox lässt sich auch zu medizinischen Zwecken einsetzen: "Wir nutzen Botulinumtoxin unter anderem bei Spastik, also bei der Erhöhung der Muskelspannung durch Erkrankung des Nervensystems", nennt Dr. Pablo Pérez-González, neurologischer Oberarzt am Herz-Jesu-Krankenhaus in Hiltrup, ein Beispiel. Das Hiltruper Krankenhaus hat eine eigene Botulinumtoxin-Ambulanz zur Diagnostik und Therapie dystoner Bewegungsstörungen und Spastik.

Mögliche Ursachen

Mögliche Ursachen der Spastik können, so der Spezialist Schlaganfälle, Multiple Sklerose und Schädel-Hirn-Traumata sein. "Die Folgen äußern sich beispielsweise in unwillkürlichem Faustschluss - die Hand kann nicht mehr geöffnet werden - oder in der Beugung des Armes", erläutert Dr. Pérez. Mit Botox werde dann der Muskel gelähmt, um die Kontrakturen zu verhindern. Auch bei vielen anderen neurologischen Erkrankungen wie Schiefhals, Blinzelkrampf, spastischer Spitzfuß bei Kindern, einseitigen Gesichtszuckungen oder Folgeschädigungen einer Gesichtslähmung durch einen Zeckenbiss werde das Produkt mit Erfolg eingesetzt.

Kasse übernimmt Kosten

Die Kosten für diese Krankheitsbilder werden von der Krankenkasse vollständig übernommen. "Die Substanz bewirkt, dass die Überleitung vom Nerv zum Zielorgan - Muskel oder Drüsen - unterbleibt", erklärt der Oberarzt. Die Wirkung setze frühestens nach drei bis fünf Tagen ein und halte etwa zehn bis 16 Wochen vor, mit der Folge, dass eine Intervallbehandlung in vierteljährlichen Abständen erforderlich sei. Die Behandlung wird bei den genannten Krankheitsbildern vollständig von der Krankenkasse übernommen, nicht aber bei der Schönheitstherapie, nach Meinung von Dr. Pérez-González zu Recht. Immerhin entstehen bei der Faltenbehandlung allein bis zu 400 Euro an Kosten für die Botox-Ampullen, die jeweils in vierteljährlichen Abständen benötigt werden.

Ausdrucksloses Gesicht

Durch die Lähmung der Muskulatur verschwinden, gibt Pérez zu Bedenken, zwar die Falten, aber ein weiterer Effekt sei ein ausdrucksloses Gesicht. "Schwerwiegende Nebenwirkungen sind in aller Regel bei einem Einsatz von Botulinumtoxin nicht zu erwarten", betont der Doktor. Nicht erst seit den Botoxpartys habe das Mittel mit dem zweifelhaften Ruf zu kämpfen. "In einem Agatha Christie-Krimi", weiß Pablo-Pérez, "wurde es als Gift für einen Mord benutzt".

Toxin von Bakterium

Das Toxin wird von dem Bakterium Clostridium botulinum ausgeschieden. Früher war das Bakterium zudem als Lebensmittelvergifter sehr gefürchtet, in den 70-er Jahren wurde Botulinumtoxin erstmals in der Medizin gegen das Schielen gespritzt und später bei einer ganzen Reihe von anderen Indikationen getestet. Seit den 80-er Jahren findet es vor allem in der Neurologie Einsatz, insbesondere bei der Spastik.

Verbesserte Behandlung

Mittlerweile haben sich die Behandlungsmöglichkeiten der Spastik deutlich verbessert - unter anderem werden Baclofenpumpen eingesetzt, wenn orale Medikamente nicht mehr anschlagen. Die Pumpe wird im linken Unterbauch eingesetzt, dann wird ein dünner flexibler Schlauch zum Rückgrat geschoben und Baclofen in den Rückenmarkskanal eingeführt. Baclofen ist ein Abspaltprodukt (Derivat) der y-Aminobuttersäure und löst ebenfalls Muskelkrämpfe. Die Reizweiterleitung zwischen den Nerven im Rückenmark wird gehemmt. Dadurch werden keine Signale bis zu den Muskeln weitergeleitet. Diese Hemmung findet zwischen den Nervenzellen, aber - anders als bei Botox - nicht am Übertragungsort zwischen Nerv und Muskel statt.

Informationsveranstaltung

Zum Thema "Aktuelle medikamentöse und physiotherapeutische Behandlungsstrategien der Spastik" findet am Mittwoch, 28. Mai, im Muttersaal des Herz-Jesu-Krankenhauses von 16.50 bis 19.30 Uhr eine Informationsveranstaltung statt, die sich besonders an Ärzte, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten richtet. Anmeldungen sind noch möglich unter Tel. (02501) 17 25 01, oder per Mail: neurologie@herz-jesu-kh-ms.de [1].

Wolfram Linke

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Links:
[1] mailto:neurologie@herz-jesu-kh-ms.de