
Der Geist der 68er: Rainer Langhans ließ ihn aufleben. [Fotos: Clauser]
Die Hoffnung liegt im Internet. Dort ist sie noch denkbar, die solidarische, friedliche und durchgeistigte Gesellschaft. Sonst nirgends. Das ist das Credo von Rainer Langhans, Ex-Kommunarde, prominenter Alt-68er – und inzwischen selber 68 Jahre alt.
Zwischen dem Mann im schluffigen weißen Leinen-Outfit und seinem jugendlichen Auditorium am Pascal-Gymnasium scheinen nicht nur altersmäßig Welten zu liegen.
Spurensuche
Dabei haben sie, die Schüler der Jahrgangsstufe 13, sich aufgemacht, die Spuren der 68er-Generation in der Gegenwart aufzudecken.Haben Zeitzeugen befragt, Archive gesichtet, Anti-Nazi-Demos gestern und heute verglichen, schließlich trotz Abi-Stress einen Film gedreht.
Erfolgreiche Schüler mit Laudator Langhans (r.) und ihren Lehrern Michael Frey, Thomas Oelerich und Dr. Diana Schilling (v.l.)
Platz eins beim Wettbewerb
Mit dem haben sie beim History Channel Award 2008 Furore gemacht. Platz eins bundesweit für die Produktion „Münster – eine Provinzhauptstadt in den 68ern“ bescherte den elf Geschichtsschülern und der ganzen Schule die Visite des Schirmherrn, Zeitzeugen und Protagonisten der Bewegung in Personalunion.
Kein Applaus für den Schulchor
Als die Darbietungen von gymnasialer Bigband und Schulchor anlässlich der Preisverleihung verklungen sind, rührt der Ehrengast keine Hand (Bild). Applaudieren scheint seine Sache generell nicht zu sein, aber diesmal erklärt er auch warum das so ist. Das musikalische Rahmenprogramm sei ja so brav wie zu seiner eigenen Schulzeit, befindet der Mann im lockigen Grauhaar. „Ihr seid wohl eine richtige Musterschule“, mutmaßt er, „eine heile Welt außerhalb des Normalen!?“.
Verklemmt und konservativ?
Zu gerne möchte Langhans wissen, wie es sich heute anfühlt jung zu sein. Und hat doch schon eine Ahnung davon bei der Begegnung mit den münsterschen Pennälern, die er als sexuell reichlich verklemmt und allgemein eher konservativ einstuft. „Nur gegen Rechtsextremismus sein reicht nicht“, schreibt er den Preisträgern und ihren Schulkameraden flugs ins Stammbuch.
Mancher kriegt sein Fett ab
Die Jugendlichen sind indessen nicht die einzigen, die ihr Fett abkriegen. Schulleiter Heiner Lübbering muss sich eine öffentliche Korrektur gefallen lassen, weil er Fritz Teufel falsch zitiert hat. Und Sebastian Wilhelmi, Repräsentant des History Channel, sieht sich vor versammelter Mannschaft mit der Langhans-These konfrontiert, dass Pay-TV keine Zukunft hat.
Zu brav und angepasst? Der Pascal-Chor in Aktion.
"Saßen auf dem Leichenhaufen"
Abgesehen von der stets in ruhig-nachdenklichem Ton vorgebrachten Kritik hat der exotisch anmutende Gast natürlich das zu bieten, was alle von ihm erwarten: eine Schilderung des eigenen Lebensgefühls – damals, als die Jugend rebellierte. „Wir saßen ja auf einem Leichenhaufen“, wird Langhans drastisch. „Wir mussten mit dem wahnsinnigen Massenmord fertig werden, den unsere Eltern begangen hatten – sie, die wir doch eigentlich lieben sollten"
Ein Jahr auf einem irren Trip
Die Suche nach neuen Werten, anderen Lebensformen begann. Die Kommune 1 in Berlin wurde gegründet, um sie zu erproben –nicht um gemeinsam mit dem SDS Front politisch gegen das Establishment zu machen. „Wir waren ein Jahr lang auf einem irren Trip“, schwärmt Langhans, der für die Bewusstsein bildende Entkoppelung von Körper und Geist heute freilich andere Drogen empfiehlt. Das Internet zum Beispiel.
Das Web als positive Gegenwelt?
Überhaupt – die Ideale seiner Jugend sieht er nicht verloren, sondern von den jungen Menschen heute weiter verfolgt. Vor allem im weltweiten Netz, das er immer wieder als positiven Gegenentwurf zur realen Welt des Mangels darstellt, die nicht zu retten ist.
Eine Ansicht, mit der der Wettbewerbs-Schirmherr am Ende weitgehend alleine steht. Nein, entgegnen ihm die Schüler, das Internet sei für sie keine Kommune, in der man den inneren Frieden finden kann. Und mit aller Welt Freund zu sein, haue auch nicht so recht hin. Jugendbewusstsein 40 Jahre danach...
Stefan Clauser