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"Schutzhaft" für Vierbeiner

Hans Melzer

Bundestrainer Hans Melzer, hier im Gespräch mit der Pflegerin von Ingrid Klimkes Abraxxas, Carmen Thiemann (links). [Foto: Peter Buddendick]

[17.07.2008 | Münster | PB]

Gegen 18 Uhr kehrte auf dem Gelände der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (DOKR) in Warendorf endlich Ruhe ein. Drei Stunden lang drehte sich alles um Pferde – um Spitzenpferde. Da wurde Blut gezapft, Fieber gemessen, die Lunge abgehorcht, Medikamente gegen Würmer verabreicht, die Haut auf Zeckenbefall untersucht – das ganze Programm eben.

Und das alles „nur“, weil Abraxxas, Checkmate, Cöster und Co. in gut einer Woche nach Asien fliegen und ab dem 8. August ein – hoffentlich – erfolgreiches Gastspiel in Hongkong im Rahmen der olympischen Spiele geben wollen.

Erst nachdem das kleine aber feine Labor einen eigens aus China gelieferten Influenza-Test durchgeführt hatte und von dort das OK gekommen war, durften die Vierbeiner aus ihren Luxus- Transportern, in denen sie aus Flensburg, Riesenbeck oder Münster angereist waren, gegen eine geräumige Box wechseln

Routiniert ließ FRH Butts Abraxxas die tierärztlichen Untersuchungen über sich ergehen. Foto: Peter Buddendick

 

3000 Meter Bauzaun

Hier werden sie die nächsten Tage verbringen, gut umsorgt von ihren Pflegern und Pflegerinnen. Und sie werden immer wieder auch zu Trainingseinheiten mit ihren Reiterinnen und Reitern aufbrechen. Mit 3000 Metern Bauzaun wurden zehn Hektar des Geländes abgegrenzt. Quarantäne nennt sich das, was um Mitternacht von Donnerstag zu Freitag beginnt und was dafür sorgen soll, dass Pferde aus Deutschland keine Krankheiten nach China einschleppen.

Frank Ostholt: Demnächst in Honkong im Kampf um olympische Medaillen, am Donnerstag in Warendorf Schubkarren-Schieber bei der Einrichtung der Quarantäne-Station. Foto: Peter Buddendick

Dr. Andreas Witte vom Veterinäramt des Kreises Warendorf  war mehr als zufrieden mit seinen zwei- und vierbeinigen Kunden. Problemlos und bei bester Stimmung ließen sie die Prozedur über sich ergehen. „Die Pferde stehen ständig unter tierärztlicher Beobachtung. Außerdem haben alle Spitzenpferde in den vergangenen Wochen Top-Leistungen gezeigt. Da ist eine Erkrankung kaum zu erwarten.“

Gäste aus dem Reich der Mitte

Dr. Björn Nolting, als Tierarzt für den Bereich Dressur und Springen zuständig, sowie Dr. Carsten Rohde, Tierarzt für den Bereich Vielseitigkeit, kennen ihre Patienten. Und wenn da etwas nicht stimmen würde, dann wären die Vierbeiner vermutlich kaum an diesem Tag in Warendorf vertreten. Aber: Die chinesischen Veranstalter wollten es so. Und zwei Veterinäre aus dem Reich der Mitte sind derzeit in Deutschland, beobachten die Quarantäne-Maßnahmen der deutschen Kollegen.

Am Donnerstag taten sie dies in Aachen (hier gingen die Dressurpferde und mehr als 100 Vierbeiner anderer Nationen in „Schutzhaft“), und werden sicher auch in den nächsten Tagen in Warendorf zu sehen sein. Sie werden sich – wie alle Besucher – bei einem Pförtner auszuweisen haben, bevor sie das Gelände mit Spring- und Dressurplatz, mit Reithalle und Rennbahn betreten dürfen. Im Umkreis von 100 Metern dürfen sich keine weiteren Pferde aufhalten. Reiter/innen und Pferdepfleger/innen müssen sich in einem eigens geschaffenen Umkleidebereich umziehen. Das ist wichtig, denn einige der Aktiven trainieren auch noch andere Pferde, sollen über ihre Kleidung nichts hinein oder heraus tragen, was den Quarantänebestimmungen widersprechen könnte.

Training in freier Wildbahn

Wie ausgefeilt die gesundheitlichen Bestimmungen sind, macht auch dies deutlich: Das Stroh, auf dem die Pferde während der olympischen Spiele auf dem Gelände des Honkong Jockey Clubs stehen werden, ist – wie das Futterheu – längst schon gut verpackt auf dem Seeweg in Richtung der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Mit den Pferden zog am Donnerstag auch der Hufschmied mit dem gesamten Gerät und Material in die Warendorfer Quarantänestation. Und wenn die Vielseitigkeitsreiter in der nächsten Woche zu einem letzten Training in „freier Wildbahn“ im Teutoburger Wald unweit von Brochterbeck aufbrechen, dann werden die Pferde in verplompten Transportern chauffiert.

Alles – von den Bandagen über Pferdedecken bis hin zu Halftern und Trensen musste am Donnerstag bis Mitternacht auf dem DOKR-Gelände angeliefert sein. Pro Pferd werden rund 400 Kilogramm Material und Ausrüstung sowie 250 Kilogramm Kraftfutter durch die Quarantänestation geschleust und anschließend mit nach Hongkong verfrachtet.

Start in Amsterdam

Am 25. Februar startet in Frankfurt der Flieger, der die Pfleger/innen zum Olympiaort bringt. Dabei sein wird auch Carmen Thiemann, die sich um FRH Butts Abraxxas, dem Top-Pferd der Münsteranerin Ingrid Klimke kümmert. Froh ist sie über diesen Flug nicht. Viel lieber wäre sie in der Maschine, die am  selben Tag kurz vor Mitternacht in Amsterdam mit dem selben Ziel abhebt. In der befindet sich nämlich auch „ihr“ Abraxxas, begleitet von den beiden Disziplin-Tierärzten und zwei Pflegern, unter denen aber niemad ist, der die Vielseitigkeitspferde kennt. „Ich habe mir gewünscht, dass einer von uns beim Flug dabei ist“ zeigt sich Carmen Thiemann enttäuscht. So bleibt ihr nur, am 26. Juli in Hongkong auf Abraxxas zu warten.

Der Hannoveraner Wallach ließ übrigens die Prozedur in Warendorf in gewohnt gelassener Manier über sich ergehen. Am Vormittag zeigte er – wie die übrigen Vielseitigkeitspferde – in Brochterbeck unter seiner Reiterin Ingrid Klimke noch einmal seinen sehr guten Trainingszustand. In Warendorf interessierte ihn nur noch das Futter.

Petra (Pika) Lühmann kümmert sich um das Pferd von Peter Thomsen - nicht nur in der Quarantäne, sondern auch während der Olympiade. Foto: Peter Buddendick

Zufriedener Bundestrainer

Zu den zufriedenen Zaungästen gehörte hier Bundestrainer Hans Melzer. Dass er auf Bettina Hoy und deren Schimmel Ringwood Cockatoo verzichten muss, machte ihn zwar nicht froh. Doch das Risiko, ein durch eine Verletzung geschwächtes Pferd mitzunehmen, ist ihm zu groß.

In den nächsten acht Tagen wird Melzer mit seinen Schützlingen noch einmal Dressur- und Springlektionen in Theorie und Praxis trainieren. Und der Optimismus, sich mit seinem Team international auch in Hongkong beweisen zu können, ist ihm ins Gesicht geschrieben.

Genuss-Stunden

Ingrid Klimke war nicht dabei, als ihr „Braxi“ seine Box in Warendorf bezog. Sie ist – wie Ludger Beerbaum, dessen Schwägerin Meredith und etliche weitere Spitzen-Sportler - an diesem Wochenende noch im Turniereinsatz. Die Trainingsstunden allerdings, die der Bundestrainer angesetzt hat, wird sie nicht schwänzen. Und in der übrigen Zeit? – Nun, da wird sich Carmen Thiemann um Abraxxas kümmern. Der genießt nämlich nicht nur die sportliche Herausforderung, sondern auch den Spaziergang über saftige Grasflächen… und träumt - wie Ingrid Klimke - von olympischen Medaillen.

Peter Buddendick

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