
Am Montagmorgen hat eine Fachfirma damit begonnen, die Strom-, Wasser- und gegebenenfalls auch Gasleitungen in den Häusern 53 und 55 abzuklemmen. [Foto: Halberscheidt]
Auf dem Bürgersteig stehen rot-weiße Absperrbaken, ein Lastwagen und ein Mini-Bagger. Bauarbeiter buddeln sich durch die Erde: Seit dem Morgen hat eine Fachfirma damit begonnen, an der Grevener Straße die Strom-, Wasser-. und gegenenfalls auch Gasleitungen in den Nummern 53 bis 55 abzuklemmen.
Lässt der Abriss der besetzten Gebäude nicht mehr lange auf sich warten? „Den Termin“, betont Michael Toddenroth, Leiter der Hausverwaltung bei der Wohn + Stadtbau, „den Termin werde ich nicht nennen, den kennt nur eine ganz kleine Runde. Morgen treffen wir uns aber mit den Aktivisten noch einmal zu Verhandlungen“ – auf quasi „neutralem“ Gebiet: in der Jakobus-Kirchengemeinde. Bei dem Gespräch möchte man offenbar Optionen ausloten: Sollte die Initiative bereit sein, die in Beschlag genommenen Immobilien freiwillig zu räumen, würde auch der Strafantrag gegen Gruppenmitglieder zurückgezogen.
Die wollen voraussichtlich an der Zusammenkunft teilnehmen, haben allerdings schon Vorbehalte geäußert: „Ein unfreundlicher Akt“, sagt beispielsweise Frieda, eine aus dem Kreis der Kapuzenträger, „bereits heute alles zu kappen. Da werden Fakten geschaffen. Worüber reden wir dann?“
Luftballons voller Wasser
Die Initiativgruppe der Besetzer schaut sich von dem gegenüber liegenden Bürgersteig an, wie die Versorgungsleitungen für die Häuser 53 und 55 abgeklemmt werden. Später fliegen kleine "Wasserbomben" auf das Trottoir. Foto: Halberscheidt
Es dauert nicht lange, da fliegen aus der Etage, die offenbar noch über Anschlüsse verfügt, erste mit Wasser gefüllte Luftballons auf den Bürgersteig. An den Handwerkern driften die Wurfgeschosse knapp vorbei, spritzen sie aber gehörig nass. Später segeln von oben Küchenabfälle hinterher.
Dazu dröhnen aus den geöffneten Fenstern per Cassetten-Recorder alte Agit-Prop-Gesänge von „Ton Steine Scherben“, der zu Zeiten der Studentenbewegung populären Berliner Anarcho-Band: „Wir sind geboren, um frei zu sein“, schallt es über die Fahrbahn – und die jungen Leute, sie wippen den Rhythmus mit, gelegentlich reckt jemand die Faust.
Gefährdungen von Verkehrsteilnehmern
Toddenroth jedoch greift zum Hörer, alarmiert die Polizei. „Lebensgefährlich, was hier passiert. Nicht auszudenken, wenn die Wasserbomben einem Autofahrer vor die Windschutzscheibe klatschen.“ Bislang habe er keinen Grund gehabt, sich über die Gegenseite zu beschweren. „Friedlich“, "vernünftig" seien die gewesen – jetzt aber, mit der Gefährdung von Verkehrsteilnehmern, würden eindeutig Grenzen überschritten.
„Unser Unternehmen“, führt er weiter aus, „besitzt einen klaren Auftrag vom Rat der Stadt, aber auch vom eigenen Aufsichtsgremium: Die betreffenden Gebäude sollen abgerissen, anschließend neu errichtet werden“ - an derlei Vorgaben habe man sich zu orientieren.
Notplenum
Die Besetzer werden im Laufe des Tages ein „Notplenum“ einberufen, um zu diskutieren, wie auf die „jüngste Entwicklung“ reagiert werden soll. Darüber hinaus hoffen sie auf „solidarische Nachbarn“, die ihnen vorübergehend helfen, den Versorgungsengpass zu überbrücken.
Wolfgang Halberscheidt
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