
Das Wahlplakat der FDP mit dem Slogan "Auf uns ist Verlass" verleitete den grünen Ratsherrn Tim Rohleder zu einer nächtlichen "Beschriftungsaktion". [Foto: Sven Hänscheid]
"Übernächtigt" sei er gewesen. Übernächtigt vom vielen Plakat-Aufhängen für die eigene Fraktion. So erklärte es am Donnerstag in einem persönlichen Telefonat der grüne Ratsherr Tim Rohleder dem FDP-Kreisvorsitzenden Daniel Bahr - und entschuldigte sich bei dem Bundestagsabgeordneten dafür, dass ihm selbst die "Pferde durchgegangen" waren.
So hatte Rohleder zuvor - wie Bahr bestätigte - ein Transparent der Liberalen beschmiert. Ein Zeuge jener nächtlichen Aktion setzte Jörg Wischinski vom FDP-Kreisvorstand davon in Kenntnis, dass der Politiker von Bündnis 90/Die Grünen die Parole "Reich bleibt Reich" auf ein Schild der Freien Demokraten mit dem Slogan "Auf uns ist Verlass" geschrieben habe. Wischinski beriet sich daraufhin mit Vorstandskollegen, tauschte das verunzierte corpus delicti rasch gegen ein neues Blatt aus und brachte das alte Poster als Beweisstück zur Polizei. Dort erstattete er auch im Namen der Partei Anzeige gegen Rohleder "wegen Sachbeschädigung".
Führender Parteifunktionär
"Natürlich kommt es immer wieder vor, dass wir ramponierte oder besprühte Exemplare austauschen müssen", so Wischinski, der selber gerade nächstens unterwegs gewesen war, um drei Stunden lang zerfetzte oder zerstörte Slogans seiner Partei für die kommende Wahl zu erneuern. "Gerade auf Wiesen ist der Rasenmäher der natürliche Feind der Plakate", lacht er - allerdings nicht über bewusste Beschädigungen. "Wir haben schon einige Male Anzeige gegen Unbekannt erstattet", erinnert er an besonders penetrante Fälle wie vor der Geschäftsstelle der Liberalen an der Geringhoffstraße.
Dass mit Tim Rohleder nun ein führender Parteifunktionär und "damit ein Vorbild" bei einer solchen Aktion beobachtet wurde, will Bahr zwar nicht zu einer "Staatsaffäre" aufbauschen, so sagt er. Aber: "Das sind unseriöse Mittel, zu denen kein politischer Mitbewerber greifen sollte". Dies habe er dem grünen Mandatsträger auch so deutlich gemacht. Der habe sein Fehlverhalten unumwunden zugegeben, den Fauxpas eingestanden und angeboten, das betreffende Plakat zu reinigen oder auszutauschen bzw. für die Kosten aufzukommen - Reue, die Bahr in dem Gespräch annahm.
Die Grünen lehnen Beschädigungen ab
"Wir werden eine Nacht darüber schlafen und dann im Vorstand entscheiden, wie wir mit der Anzeige verfahren", so erklärte der Palamentarier gegenüber echo-muenster. Immerhin seien ja auch andere Anzeigen wegen Sachbeschädigung anhängig, die man dabei ebenfalls im Blick behalten müsse.
Derweil hat der Kreisverband der Grünen in einer Pressemitteilung "die Beschädigung oder Beschriftung von Wahlplakaten anderer Parteien" abgelehnt. "Dies ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung". Rohleder habe seinen Fehler eingeräumt und bereits persönlich bei der FDP um Verzeihung gebeten, heißt es in dem Schreiben weiter. "Ich bin keiner von den Politikern, die einen Schnitzer schön reden", betonte der GALlier (s. Foto links) auf Nachfrage.
"Sommerloch"-Thema
"In einer Mischung aus Überarbeitung und Red-Bull-Schwips habe ich mich dazu hinreißen lassen, aus der Rolle des Ratsherrn zu fallen - etwas, das ich sehr bedauere." Vielleicht, sinnierte Rohleder, sei es da frühmorgens, in dieser übermüdeten Stimmung, auch zur Erinnerung an einstige Aktivisten-Zeiten gekommen. "Jedenfalls weiß ich, dass sich dies nicht gehört."
Danach ging er zur Tagesordnung über - und sah das "Sommerloch"-Thema als beendet an.
Heike Hänscheid