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Aktuell im Kino: Gigante

Szene aus Gigante

Das Objekt der Begierde: Julia (Leonor Svarcas). [Foto: Neue Visionen Filmverleih]

[02.10.2009 | Münster | CHG]

Die schönste Liebesgeschichte des Herbstes: Wenn sich ein schüchterner Wachmann in eine Putzfrau verliebt und ihm die Worte fehlen. Vielleicht hilft da ein Kaktus? Ein kleines Meisterwerk der romantischen Komödie aus Montevideo.

Darum geht´s: Der schüchterne Jara arbeitet als Wachmann in einem Supermarkt. Etwas verloren sitzt er dort vor seinen Monitoren, löst Kreuzworträtsel und lässt die Mitarbeiter mit kleinen Diebstählen davonkommen. Eines Nachts erblickt er auf dem Bildschirm die neue Putzfrau Julia und plötzlich gerät sein regelmäßiger Lebenstakt aus dem Gleichgewicht. Auf den ersten Blick ist Jara heftig verliebt. Seine Kreuzworträtsel lässt er ab sofort ungelöst links liegen. Tag für Tag folgt er stattdessen Julias Bild auf seinen Monitoren und die Kontrollpflicht verwandelt sich in eine Schatzsuche im Warenhauslabyrinth.

Doch Jara traut sicht nicht, den ersten Schritt zu tun und macht stattdessen erstaunlich viele – er beginnt, Julia nach Dienstschluss zu folgen. Er heftet sich an ihre zauberhaften Fersen – vom Kino bis nach Hause, vom Internet-Café bis zum Karatekurs. Gebannt vom Bild der schönsten aller Putzfrauen wird er auf seiner Wallfahrt des Verliebtseins zu ihrem heimlichen und unbelohnten Schutzengel. Doch dann wird Julia entlassen und Jara muss sich entscheiden – seine Sehnsucht aufzugeben oder sich ihr zu stellen.

Das sagt der Verleih: Gigante“ beschreibt die Übergänge und Wechselwirkungen zwischen dem eigentümlichen Zustand des Verliebtseins und der Obsession. „Gigante“ unterwandert die klassischen Muster der romantischen Komödie und schöpft gerade aus der Umkehrung des Schemas großes komisches Potential. Daher ist „Gigante“ auch ein Film über das Kino, über die Rolle, die die visuelle Kultur als zentrales Medium zwischenmenschlicher Beziehungen spielt. Wenn menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte von den Strukturen der Medien durchdrungen sind, wird wirklicher Kontakt zur Herausforderung. Zwischen persönlichen Ängsten und gesellschaftlichem Engagement angesiedelt, ist die Liebesgeschichte von Jara ein sehr emotionales Abenteuer, politische Erfahrung und eine romantische Vision von einem besseren Leben.

Adrián Biniez entwickelt ein erstaunlich vielfältiges und neues formales Repertoire und reflektiert die Bahnen, die die Kommunikation zwischen den Liebenden einschlägt, wenn sie von den Strukturen der Ökonomie und der Medien dominiert wird. Ohne je in einen mitleidigen Ton zu verfallen, schöpft er aus filmischen Traditionen und kombiniert sie zu neuen starken Bildern. Es entsteht das authentische und dennoch humorvolle Porträt eines verletzbaren Menschen, der voller Sehnsüchte steckt.

Das sagen wir: Uruguay. Das Land der europäischen Einwanderer. In dem zweitkleinsten Land Südamerikas, das in etwa so groß ist wie Österreich und Ungarn zusammen, leben 3,5 Millionen Menschen. 1,5 Millionen davon in der Hauptstadt Montevideo. Einer von ihnen in dieser von Männern dominierten Urbanität ist Jara, ein Kerl wie ein Berg mit dem Gemüt einer Maus. Jara ist die Hauptfigur in einer wunderbaren Romanze von Adrián Biniez, einem jungen Regisseur aus Montevideo, der seine Geschichte aus eigenen Erfahrungen aus einem Supermarkt-Job destilliert.

Adrián Beniez´ mit präziser Situationskomik und lakonischem Unterton inszenierte Lovestory war die Entdeckung der Berliner Filmfestspiele 2009 und wurde mit dem Großen Preis der Jury und als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet. Und beides verdientermaßen. Was ihm hier mit seinen wenigen Darstellern und lakonischen, stillen Bildern aus Montevideo gelingt, darf durchaus als kleines Meisterwerk der romantischen Komödie bezeichnet werden. Denn vor allem der heiter-melancholischer Blick auf den ansonsten tristen Alltag im krisengeschüttelten Lateinamerika, der ruhige Schnitt abseits der schnellen hastigen Bilder aus aktuellen US-Romantic-Comedies und die genaue Betrachtung des Innenlebens des Übergröße tragenden Titelhelden heben diese zarte Mischung mit Elementen des Stalker-Thrillers und des Sozialdramas aus der meist enervierend skizzenhaft gezeichneten Masse aktueller romantischer Produktionen hervor. Dieser zarte Film besitzt einen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Bleibt zu hoffen, dass Adrián Beniez der winzig kleinen Filmindustrie in Uruguay damit zu neuem Mut verhilft.

[video: id=lzWAo5mJLWM]

 

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Christian Gertz

Der Film läuft täglich um 18:00 und 20:10 Uhr, So auch um 11:00 Uhr im Cinema, Warendorfer Straße, Münster.

Karten zum Film können Sie unter der Rufnummer Tel. (0251) 30 300 vorbestellen.

 

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