Michael "Vossi" Voss, Frontmann in der münsterschen Heavy-Band "Mad Max", reist derzeit mit Gitarrist Michael Schenker durch die Vereinigten Staaten. Exklusiv für echo-muenster.de berichtet er in seinem Tour-Tagebuch über Eindrücke und Erlebnisse.
25. Dezember - Anreise
Wow, was für ein Angebot. Nach fünfundzwanzig Jahren wird ein Traum für mich wahr - und was soll ich Euch sagen: Crazy like Hell.
Ich, Michael Voss, spiele als Sideman für den deutschen Gitarrenvirtuosen Michael Schenker (Ufo, Scorpions) bei acht Auftritten quer durch das wilde Sunny California. Jetzt sitze ich im Comfort Inn Hotel direkt am Highway und lasse bei strahlendem Sonnenschein die ersten beiden Tage an mir vorbeirauschen.
Allein die Anreise war schon mehr als ungewöhnlich: Volle 22 (zweiundzwanzig) Stunden von Münster via Frankfurt dauerte sie, mit Zwischenstopp in Houston (Texas), der mich fast die ganze Nacht kostete, da die Maschine mit Delay aus Germany kam und ich somit gezwungen war, kurzfristig umzubuchen, um noch in der Nacht auf dem Flughafen von Los Angeles einzutreffen.
Gesagt, getan. Ich hatte Glück - und mit ein wenig Dusel haben die Leute von Continental Airline mich zum nahegelegendsten John Wayne Airport in Santa Ana, welcher circa eine Stunde Autofahrt von LAX entfernt ist, eingecheckt. Im Schlepptau hatte ich noch ein junges Paar aus Aschaffenburg, das mein Schicksal teilte, jedoch mit der Situation komplett überfordert war und sich somit an meine Fersen heftete. Ich dachte da schon längst an den armen Fahrer Chris, der unterdes brav in Los Angeles wartete, vermutlich nicht amused war, noch mitten in der Nacht einen deftigen Umweg einlegen zu müssen.
Schlussendlich erreichten wir um 1 Uhr früh unser Ziel und in meinem Hotelzimmer erwarteten mich schon meine beiden Guild Akustikgitarren, die mir mein Fender-Ausstatter aus Corona zugeschickt hatte. Yeah, wer will schon mit zuviel Gepäck anreisen? Plötzlich klopfte es an der Tür und mein alter Kumpel Gary Barden, seines Zeichens Sänger bei MSG (Michael Schenker Group, Anm. der Redaktion) und kurz vor mir eingetroffen, wünschte mir mit einer Flasche Veuve Cliquot ein Merry Xmas. Na, das ging ja schon mal gut los. Danach: Ab in die Molle und sweet dreams.
26. Dezember - Showday Agoura Hills, Canyon Club
8.30 Uhr: Der Weckanruf und ein amerikanisches breakfast im Denny's. Wer von Euch noch nie in den USA war, dem kann ich sagen: very gewöhnungsbedürftig. Ja, aber jetzt mal ehrlich. Die hauen sich am frühen Morgen schon Steak mit Sauce und dazu Pommes rein. Aber egal - hier in Amiland ist halt alles X-tra large, das gilt für die Coke, das Steak und auch den kompletten Lifestyle.
Pünktlich um zehn ruft auch schon Herr Schenker zum ersten Rapport und zusammen mit Gary zupfen wir das gesamte Programm auf dem Hotelzimmer durch. Zwei schweisstreibende Stunden - aber: So habe ich mir das immer vorgestellt. Somewhere in the middle of nowhere - in irgendeinem Hotel die Songs des Abends proben, irre.
Am Venue angekommen, treffen wir gegen 14 Uhr erstmals auf unsere Crew, David (Tourmanager) und Robert (Techniker, Fahrer, Percussionist, Mädchen für alles). Beides nette Jungs, die uns mit einem breiten Grinsen und einem ,nice to meet you` begrüßen. Der Club ist total auf nostalgisch gemacht und erinnert mich irgendwie an einen indischen Tempel mit Kuschelfaktor 10. Überall Buddhas, der komplette Fussboden ein einziger Teppich. Ich komme mir vor wie in 1001 Nacht.
Kurz vor dem Soundcheck reist auch unser Keyboarder Wayne aus San Diego an und wir spielen den kompletten Set nochmals on stage durch. Langsam, aber sicher merke ich am Nachmittag, wie mich der Jetlag einholt und werde von einem mittleren Keulenschlag in den Abend begleitet: Wir haben tonight zwei Vorbands. Puhhh. Das heißt: drei Stunden warten in der Garderobe.
Kurz vor Showtime gegen 22 Uhr kehren auf einmal alle Geister wieder zurück und hauchen mir 100 Prozent Energie ein. Der Laden ist gut gefüllt, ich höre die ersten "Schenker, Schenker"-Rufe von draußen. Danach der Auftritt. Der Set klappt gut und zum Schluss kommt noch der Oberhammer. Total unreal: Bei der Zugabe von "Doctor, Doctor" stürmt ein als Nikolaus verkleideter Mann samt Flying V auf die Bühne, um mit uns zu jammen.
Was keiner von uns wusste, auch Michael nicht: Es handelte sich bei dem heiligen Mann um seinen Bruder Rudolf (Chef und Gründer der Scorpions), der uns seine ganze persönlichen Xmas-Grüsse übermitteln wollte. Die Sache geht total steil ab, alle brüllen sich die Seele aus dem Leib. Was für ein genialer Startschuss an diesem Abend in die Tournee.
Rudolf war samt Freundin angereist, war zu Gast im Hause von James Kottak (Drummer der Scorpions), welcher wiederum Geburtstag feierte. James hatte dann beiläufig Rudolf davon erzählt, dass sein Bruder´just around the corner´ ein Konzert geben würde. Rudolf nicht feige, warf sich direkt in das Nikolauskostüm (keiner wusste, wo er das auf die Schnelle aufgegabelt hatte) und wanderte die ganze Zeit während des Gigs unerkannt durch die Menge. Was ein Spaß. Keiner hat ihn erkannt.
Während der After-Show-Party gab Geburtstagskind James noch ein paar Drinks aus, es wurden Fotos gemacht, Visitenkarten getauscht und dann ging es ab ins Hotel.
So far so good - c u tomorrow, Euer Vossi.